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Wie man in der MotoGP™ Fuß fasst

Neu in das hochrangige und geschäftige MotoGPTM-Fahrerlager zu kommen, ist verständlicherweise hart (schließlich handelt es sich um die Königsklasse des Motorrad-Rennsports). Also beschlossen wir, uns mit John Eyre, einem der Red Bull KTM-Techniker, darüber zu unterhalten, wie man es als Mechaniker dorthin schafft.

John Eyre (GBR) KTM RC16 © Rob Gray


Eines der Markenzeichen des Lebens im 21. Jahrhundert ist die Tatsache, dass es noch nie leichter war, sich selbst zu vermarkten. Soziale Medien, Networking-Plattformen und Job-Websites machen es möglich, Abkürzungen zu nehmen und die gewünschte berufliche Nische direkt ins Visier zu nehmen.

Obwohl es nach wie vor keinen Ersatz für Erfahrung, Kontakte und Wissen gibt, kann der Einstieg in eine Traum-Umgebung wie die MotoGPTM etwas sauberer sein. Es gibt sogar spezielle ‚Race-Engineering-Akademien‘, wo aufstrebende Mechaniker die Prozesse und Anforderungen beim Aufbauen von Rennmaschinen lernen können. In Spanien besitzen ‚Schulen’ wie die Monlau-Einrichtung in Barcelona bereits Prestige-Status.

Es gibt verschiedene Wege, seinen Fuß in die Tür zu bekommen. Alex Merhand, der Miguel Oliveiras Tech3-Mannschaft angehört, studierte und qualifizierte sich als Dateningenieur, absolvierte eine zweijährige ‚Laptop-Lehrzeit‘ für ein Werksteam in der MXGP und stieg dann in die MotoGPTM auf. John Eyre, ein Brite, der seit drei Jahren für das Red Bull KTM-Team arbeitet und als Mechaniker eine der KTM RC16er von Johann Zarco betreut, nahm einen anderen Weg. John ist bereits seit zwei Jahrzehnten in der MotoGPTM dabei und erarbeitete sich seinen Platz in der Szene, indem er auf Teilzeit-Basis für einen lokalen Fahrer in der britischen Superbike-Meisterschaft arbeitete. „Wenn man mit Daten oder Elektronik arbeiten möchte, ist es heutzutage am besten, eine gute Ausbildung zu machen. Wenn man aber Mechaniker werden will, muss man Erfahrung sammeln und zusehen, dass man jemanden findet, für den man am Wochenende arbeiten kann“, sagt er. „Lerne die Theorie während der Woche und begib dich am Wochenende zur Rennstrecke. In der BSB machen das viele Leute so.“

John Eyre (GBR) & Adam Wheeler (GBR) © Rob Gray


Eyre begann seine Karriere als motorradbesessenes Kind. „Alle fragen dich, wie du begonnen hast. Meine Karriere begann in der britischen Meisterschaft, in der ich für einen Typen arbeitete, der in der 250er-Klasse antrat und aus demselben Ort wie ich kam. Anstatt mir am Wochenende freizunehmen, fuhr ich zu den Rennen. Das war zwischen 1993 und 1998, als ich noch ein Kind war.“

„Mein Vater fuhr Grass-Track-Rennen, Straßenrennen und bei den Vintage-Bikes (ich habe auch Vintage-Motorräder zuhause) und so habe ich meine Leidenschaft wohl von ihm geerbt“, so John. „Ich fuhr auch ein paar Rennen, fand aber schnell heraus, wie teuer das war und, dass du am Montagmorgen wieder arbeiten gehen musstest, auch wenn du am Wochenende einen Unfall hattest. Also entschied ich mich für die Mechaniker-Karriere und die technische Seite.“

KTM RC16 © Rob Gray


Als er sich im Fahrerlager erst einmal einen Namen gemacht hatte, knüpfte er schnell Kontakte, sammelte Erfahrung und eignete sich eine spezielle Sicht auf den Job an – damit war er in einer Position, von der aus er aufsteigen konnte: Eine Stelle für Paul Brown in der Supersport-Meisterschaft führte zu einem Jahr mit Steve Hislop in der Superbike-Serie und schlussendlich zu einem Job im Grand-Prix-Sport Ende 2000. „Steve war super und ich genoss es, mit ihm zu arbeiten“, erinnert er sich. „Ich wollte immer schon in den Grand-Prix-Sport einsteigen und ein Freund von mir arbeitete damals im Shell Advance Team und plötzlich wurde da eine Stelle frei. Ich dachte lange darüber nach, da ich 21 war und der Job von mir verlangte, nach Spanien zu ziehen. Das war 2001 mit Leon Haslam in der 500er-Klasse.“

Neben mechanischen Kenntnissen scheinen Konzentration und Sorgfältigkeit zwei der wichtigsten Qualifikationen zu sein. Ein Fehler bei der Vorbereitung eines Motorrads kann katastrophale Folgen haben. Eyre macht aber keinen Hehl daraus, welche Mentalität man mitbringen sollte. „Ein Motorrad besteht aus Muttern und Schrauben: Du musst es nur richtig zusammensetzen. Ich kontrolliere immer alles zweimal und mir wurde eingehämmert, immer ganz genau zu sein. Wenn man einmal in einem Team arbeitet, ergänzt man sich gegenseitig, wenn es um die Aufgaben geht: Wenn sich das einfach anfühlt und zur zweiten Natur wird, weiß man, dass man eine gute Mannschaft hat.“

John Eyre (GBR) KTM RC16 © Rob Gray


Auf MotoGPTM-Niveau sieht ein Renn-Prototyp ohne Verkleidung wie eine komplizierte Kollektion aus exotischen Teilen und komplexer Technik aus. Für Eyre und seine Kollegen ist das alles relativ. „Es ist alles Technik … aber das Bike hat immer noch zwei Räder, einen Lenker und eine Sitzbank! Ich habe schon an vielen Bikes gearbeitet – darunter auch 2-Takter – und habe viele Motoren zerlegt. Heutzutage bekommst du einen Motor und baust diesen lediglich in das Chassis ein. Früher mussten wir die ganze Wartung selbst machen: Kolben, Ringe, Kurbelwellen: Das war an der Tagesordnung. Ich vermisse es, am Inneren des Motors zu arbeiten: am Getriebe, den Zylindern. Früher haben wir alles selbst gebaut. Heute installierst du nur den Motor und ein anderer Mechaniker ist ausschließlich für das Getriebe zuständig.“

„Wenn neue Teile eintreffen, schaust du sie dir kurz an und machst dir ein paar Gedanken … normalerweise und wenn alles richtig gefertigt wurde, passen sie aber sofort gut zusammen“, fügt er zum Thema Weiterentwicklung von Teilen und Ideen in der MotoGPTM hinzu.

John Eyre (GBR) © Rob Gray


Eyre könnte der beste Schrauber der Welt sein, aber ein weiterer entscheidender Teil seines Jobs (und dessen sollten sich alle, die von einem solchen träumen, bewusst sein) besteht darin, mit seinen Kollegen – von denen 5-6 in seiner direkten Umgebung herumwuseln – zu harmonieren und ein perfektes Team zu bilden. „Ich glaube, dass man in der Lage sein sollte, mit allen Menschen auszukommen“, sagt er über den Charakter, den man braucht, um so viele Tage und Stunden gemeinsam auf Reisen und in Boxen zu verbringen. „Man muss offen sein, dann freundet man sich schnell mit anderen an. In diesem Jahr stieß ein neuer Crew Chief zu uns und er macht seine Sache großartig.“

Er hat mehr als zehn Jahre für HRC gearbeitet (als Teil des Teams um KTMs neuen Testfahrer Dani Pedrosa, „Ich habe neun Jahre lang mit Mike [Leitner] zusammengearbeitet und war auf der Suche nach einer neuen Herausforderung“), was sich in seinem Lebenslauf natürlich gut machte. Sein Name und sein Gesicht waren in der MotoGPTM-Szene sehr bekannt: Das gab dem Team weiteren Aufschwung. „Es ist nicht einfach“, sagt er lächelnd auf die Frage danach, wie man Kontakte schließt, und zum ‚Networking‘-Aspekt auf dem Weg ins Fahrerlager. „Ich erinnere mich an einen Typen, der mir sagte, es wäre einfacher, in die Start-11 von Arsenal zu kommen als in ein BSB-Team!“

Gute Kenntnisse im Job, eine angenehme Art mit anderen Menschen (um Kontakte aufzubauen) und die richtige Einstellung, um mit Renn-Situationen umzugehen: Wenn die Möchtegern-Mechaniker unter den Lesern immer noch glauben, dass sie für diesen Job geeignet sind, müssen sie sich im nächsten Schritt eine gehörige Portion Ausdauer erarbeiten. „Rennerfahrung ist einfach durch nichts zu ersetzen“, betont Eyre. „Du kannst alle Qualifikationen der Welt mitbringen – aber ohne Erfahrung kommst du nicht weiter. Auch auf deine Umgebung kommt es an. Wenn du eine gute Truppe hast, versteht ihr euch untereinander praktisch blind. Das resultiert in vielen Abkürzungen und die Chemie stimmt dann einfach.“

John Eyre (GBR) & co-workers © Rob Gray


Jedes Ziel verlangt nach Entbehrungen. Die MotoGPTM ist für viele ein gelobtes Land, aber wie bei so vielen anderen Dingen im Leben „hat sie gute und schlechte Seiten“, so Eyre. Neunzehn Rennwochenenden auf fünf Kontinenten und viel Testarbeit bedeuten, dass man viel Zeit auf der Straße und in der Luft verbringt und lange nicht nach Hause kommt. Viel Arbeit, die früher in Werkstätten verrichtet wurde, wird heute in den Boxen der Strecken erledigt.

„Man ist verdammt viel unterwegs. Heute muss man einen Kompromiss eingehen, denn wenn sie immer mehr Rennen hinzufügen, wird es bald keine Winterpause mehr geben. Als ich im Grand-Prix-Sport anfing, fanden die ersten Rennen nicht vor April statt und wir hatten je einen Test in Malaysia und Jerez und das war‘s. Heute beginnen wir am Tag nach dem letzten Rennen des Jahres mit dem Testen! Im Vergleich mit den Rennen ist das Testen harte Arbeit. Das ständige Reisen verlangt auch seinen Tribut, aber wenn du in der Weltmeisterschaft mitfahren willst, gehört das einfach dazu. Ich genieße meinen Job.“

Laut Eyre braucht man – genau wie die Fahrer und alle anderen, die in einem Spitzensport nach guten Resultaten streben – Hingabe und Entschlossenheit, um es ganz nach oben zu schaffen. „Wenn du es wirklich willst, gib nicht auf und versuch es immer wieder“, rät er. „Du musst mit Leidenschaft dabei sein. Ich erinnere mich, dass ich in der Schule saß und sagte, dass ich im Grand-Prix-Rennsport arbeiten wolle. Die Hälfte der Lehrer sagte, dass ich ‚das sicher nicht schaffen‘ würde, aber wenn du dich unauffällig verhältst und immer weiter machst …“

John Eyre (GBR) © Rob Gray


Fotos: Rob Gray 

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