top of page

Meister des Asphalts: KTM in der MotoGP™

Mit deutlich mehr als 120 Mitarbeitern und 70 Rennmotorrädern, die alle Klassen der MotoGPTM vom Red Bull MotoGPTM Rookies Cup bis zur Königsklasse selbst bedienen, hat die Straßen-Rennsport-Abteilung von KTM sich mit ähnlicher Geschwindigkeit entwickelt wie die Bikes selbst. Pit Beirer leitet die Geschicke aller Zweiräder mit orangefarbenem Anstrich, die um Bestzeiten kämpfen, für die MotoGPTM im Besonderen ist allerdings Jens Hainbach zuständig.

Jens Hainbach (GER) Losail (QAT) 2019 © Rob Gray


Der 46-Jährige aus Schotten in Deutschland trägt bereits seit drei Jahren das orangefarbene (oder weiße) T-Shirt und war den ganzen Weg über am Steuer, als KTM der einzige Hersteller wurde, der in allen drei Klassen der MotoGPTM aktiv ist.

Inmitten der riesigen KTM-Präsenz im Grand-Prix-Fahrerlager ist Jens leicht auszumachen und begrüßt jeden mit einem Handschlag und einem freundlichen Lächeln. Seine offene Art ist quasi eine Grundvoraussetzung. Er muss sich um ein multinationales Team, technische Partner wie Motorex und Akrapovič (um nur zwei zu nennen) und Athleten kümmern – unerfahrene Teenager wie erfahrene Veteranen wie Dani Pedrosa und Mika Kallio gleichermaßen. Und dann sind da noch die Medien, Promoter und andere. Einerseits beneidet man ihn um seinen Job, andererseits ist dieser komplex und weitreichend.

Um etwas mehr über seine Rolle und die Person hinter KTMs sportlichen sowie Entwicklungs- und Marketing-Aktivitäten zu erfahren, haben wir Jens beim Start der MotoGPTM-Saison 2019 um ein paar Minuten seiner kostbaren Zeit gebeten.

Pol Espargaró (ESP) KTM RC16 Losail (QAT) 2019 © Gold and Goose


Wie bist du zu KTM gekommen? Ich kannte Pit von unserer gemeinsamen Zeit im Motocross-Sport und er lud mich ein, mir die neue Rennsport-Werkstatt in Munderfing anzusehen. Zu jener Zeit arbeitete ich für einen anderen Motorrad-Hersteller in Rosenheim in Deutschland. Der Weg war also nicht so weit und so entschloss ich mich, ihm einen Besuch abzustatten. Die Rennabteilung befand sich damals immer noch in ihrem alten Hauptquartier, während das neue gerade gebaut wurde. Es sah so aus, als ob sie es ernst meinten. Ich hatte keine Ahnung, welche Ausmaße KTMs Renn-Aktivitäten hatten. Pit gab mir eine Führung und fragte mich, ob ich nicht mit ihm arbeiten wolle, weil sie gerade jemanden suchten, der sich um die WP-Seite der Abteilung kümmern sollte. Wenn dir Pit einen Job anbietet, musst du nicht lange überlegen! Dieser Mannschaft anzugehören ist eine Chance, die du nicht alle Tage bekommst. Und so nahm ich an. Nach ein paar Monaten verstand ich gut, wie die Dinge liefen, und Pit bat mich, den Straßen-Rennsport-Bereich zu übernehmen: Da musste ich schon etwas überlegen! So etwas passiert nicht jeden Tag und du musst darüber nachdenken, welch große Verantwortung du übernimmst. Am Ende sagte ich zu.

Welche Stärken brachtest du in den Job mit oder war alles völlig neu? Ich war ein ehemaliger Rennfahrer, der viel über die geschäftliche Seite lernen musste, und das dauerte eine gewisse Zeit. Mir war klar, dass ich beide Seiten verstehen musste: Einerseits die sportliche Seite, dann ist da aber noch der kommerzielle Aspekt des Motorsports. Ich wusste, welche Anforderungen die geschäftliche Seite stellte, was die Jungs an der Strecke benötigten und was sie jedes Wochenende leisteten.

Im Rennsport geht es immer um Kompromisse und darum, ein Team oder einen Fahrer mit den bestmöglichen Ressourcen zu versorgen. War es selbst mit deiner Erfahrung ein Lernprozess, ein solches Umfeld bei KTM zu kreieren? Natürlich. Man kann schließlich nicht einfach sagen ‚ich weiß genau, was du brauchst‘. Man muss verstehen, wie die existierenden Strukturen funktionieren, und Verbesserungsmöglichkeiten finden. Dort kann man ansetzen und Dinge oder Arbeitsmethoden in Frage stellen. Am Ende musste ich nicht viel verändern, weil die richtigen Leute bereits an den richtigen Plätzen saßen und die richtigen Methoden benutzten. Es ging lediglich darum, alles zu verbinden und aus allen das Beste herauszuholen.

Pits Management-Philosophie ist, die besten Leute in den besten Positionen einzusetzen. Bist du diesem Prinzip voll und ganz gefolgt oder hast du auch ein paar deiner eigenen Ideen eingebracht? Natürlich sollte man versuchen, auch seine eigenen Ideen in einen Job mitzubringen, andernfalls hat man dort gar nichts zu suchen. Das habe ich getan … es ist aber auch ganz klar, dass man die Leute arbeiten lassen muss, wenn die richtige Person bereits am richtigen Platz tätig ist. Wenn man ein Projekt leitet, ist einer der wichtigsten Aspekte, den Menschen, denen man einen Job gegeben hat, Vertrauen entgegenzubringen. Wenn etwas schiefläuft oder in eine falsche Richtung geht, muss man natürlich eingreifen und ihnen das mitteilen. Es ist aber nicht meine Aufgabe, ihnen zu sagen, wie sie ihre Arbeit zu machen haben.

Kannst du uns ein Beispiel einer Strategie geben, die gut funktioniert hat? Es gibt eigentlich nichts, was ich selbst ‚erfundenoder entschieden habe. Wir entwickeln und bestimmen Zukunftsstrategien zusammen mit Pit. Eine Veränderung war unser Ansatz in der Moto3TM: Wir entschlossen uns, mehrere Teams zu unterstützen anstatt ein zentrales Werksteam einzusetzen. Im Einklang mit den Regeln wollten wir mehreren Leuten die gleichen Möglichkeiten geben. Außerdem ist es so einfacher, sich um die Fahrer zu kümmern, als wenn man einen oder zwei in einem Team hat. Zurzeit haben wir fünfzehn, die wir uns ansehen und bei denen wir entscheiden können, welche das Zeug haben, in die Moto2TM und vielleicht sogar in die MotoGPTM aufzusteigen.

Pit Beirer (GER) & Jens Hainbach (GER) Losail (QAT) 2019 © Rob Gray


MotoGPTM-Fans sehen dich in deinem weißen T-Shirt und fragen sich, was wohl deine Rolle ist? Wie war dein Job in den letzten zwölf Monaten insbesondere in Anbetracht dessen, wie stark der MotoGPTM-Einsatz bei KTM gewachsen ist? Es gibt immer jemanden, der im Rampenlicht steht, und bei uns ist das ganz klar Pit. Meine Rolle besteht nicht darin, Interviews zu geben, sondern in der Arbeit hinter den Kulissen. Das bedeutet, mit den Teams, den Fahrern und unseren Partnern zu kommunizieren. Je mehr Teams und Fahrer es gibt, desto anstrengender wird das natürlich.

Der Tech3-Deal war dann wahrscheinlich eine besonders stressige Zeit für dich? Stimmt trotzdem war es ziemlich einfach, da Hervé Poncharal [Tech3-Teamchef] auch nach anderen Optionen suchte und sich uns anschließen wollte. Er vertraute unserem Projekt von Anfang an zu 110% und wir mussten ihn eigentlich gar nicht davon überzeugen, zu uns zu wechseln. Es gab Interesse auf beiden Seiten und es war keine große Sache. Natürlich hatten all die Leute, die mit dem Projekt verbunden sind, alle Hände voll zu tun, alles auf die Beine zu stellen. Ich würde sagen, dass wir 20% mehr zu tun hatten. In dem Sinn, alles in Gang zu bekommen, es am Laufen zu halten und alle Lieferketten zu kontrollieren, waren wir auf 2019 vorbereitet, aber vielleicht nicht zu 100%.

Miguel Oliveira (POR) KTM RC16 Losail (QAT) 2019 © Gold and Goose


Mit den jungen Fahrern umzugehen, muss einer der schwierigeren Teile deines Jobs sein. Als der, der die Verträge in der Hand hält, entscheidest du darüber, ob ihre Träume in Erfüllung gehen oder nicht … Das kann tatsächlich schwierig sein aber auch großartig, wenn du etwa ein großes Talent entdeckst. Ich habe aber ein paar Leute, die mir helfen, die nächste Generation zu entdecken und unsere diesbezügliche Strategie festzulegen. Besonders Aki [Ajo] hilft mir mit den nächsten Schritten. Wenn es mit einem Fahrer nicht läuft, ist das natürlich einer der weniger schönen Aspekte des Jobs. Hier kommt die geschäftliche Seite zum Tragen. Man muss entscheiden, ob ein Fahrer zum Team passt und Teil der Familie bleiben soll und schließlich auch, ob der Fahrer selbst ganz bei der Sache ist und den Willen hat, zu bleiben.

Wonach suchst du in einem potentiellen GP-Star? Das ist ein umfangreiches Paket. Wenn sie noch so jung sind, ist es wichtig, wie sehr die Familie hinter ihnen steht und welche Art von Unterstützung sie bekommen. Außerdem sollten sie dieses gewisse Funkeln in den Augen haben: den Ehrgeiz, es ganz nach oben zu schaffen. Manchmal ist das schwer zu finden und man kann sich nicht sicher sein, ob dieses Funkeln auch Jahre später noch da sein wird. Meistens zeigen sie aber großes Interesse und arbeiten hart mit dem Bike, dem Team, den ganzen Strukturen, und schauen nach vorne. Obwohl er gerade erst zu unserem Moto2TM-Team gestoßen ist, ist Jorge Martin ein gutes Beispiel: Man spürt, was dieser Typ erreichen will. Er hat die richtige Mentalität.

Jemandem einen Vertrag zu geben, ist eine große Verantwortung … So ist es. Wir machen damit die ersten Schritte in die Zukunft unserer Marke und unseres Renn-Engagements. Man bereitet den Fahrer, von dem man hofft, dass er der nächste Star wird, so gut man kann, vor und unterstützt ihn während der ganzen Saison und sieht sich dann an, wie gut das läuft. Manchmal entscheidet man sich für die richtigen, und manchmal nicht. Unser oberstes Ziel ist, eine KTM ganz vorne zu sehen. Darauf arbeiten wir in diesem Sport hin und dann hofft man, dass das mit dem richtigen Fahrer passiert und dass er sich gut weiterentwickelt. Manchmal verbessert sich ein Fahrer, den du ausgewählt hast, nicht so wie erwartet.

In jeder Disziplin des Motorsports sind Entwicklungsarbeit und Technik extrem wichtig, in der MotoGPTM sogar essentiell. Die Talentsuche mit den technischen Aspekten auf höchstem Niveau unter einen Hut zu bringen, ist wohl eine weitere schwierige Aufgabe? Ja, die Stellenbesetzung ist enorm wichtig. Zunächst einmal muss man die richtigen Leute mit der passenden Persönlichkeit finden und sie dann in den richtigen Positionen einsetzen dort, wo sie das Rennprogramm am besten unterstützen können. In diesem Bereich treffe ich aber nicht alle Entscheidungen alleine, sondern habe eine Gruppe von Leuten, die mir dabei helfen, Mitarbeiter einzustellen oder auszutauschen.

Jens Hainbach (GER) Losail (QAT) 2019 © Rob Gray


Welche Aspekte deines Jobs machen dir besonders Spaß? Abgesehen von den Ergebnissen gibt es noch andere denkwürdige Augenblicke. Zum Beispiel, als wir Ende 2016 den ersten Roll-Out mit Pol und Bradley [Smith] hatten und sie in Valencia zum ersten Mal auf der KTM RC16 ihre Runden drehten: Ihre Gesichter zu sehen und ihr erstes Feedback zu hören das werde ich nie vergessen. Bei diesem Projekt gab es viele ‚Premieren‘. Ich weiß, dass das eigentlich mit einem Ergebnis zu tun hat, aber unser erster Podestplatz in der MotoGPTM beim Grand Prix in Valencia war sehr emotional: und ebenfalls unvergesslich. Insgesamt könnte ich mir keinen besseren Job wünschen, da ich hier meine Leidenschaft mit meiner Arbeit verbinden kann. Nicht viele Menschen sind in einer so glücklichen Lage. Ich genoss es auch, beim KTM-Engagement in der US-amerikanischen Supercross-Serie mitzumachen, weil ich als Rennfahrer immer davon geträumt habe. Da dabei zu sein, war etwas ganz Besonderes für mich.

Was wird die Zukunft bringen? Ist alles fixiert oder wirst du KTMs Einsatz in der MotoGPTM analysieren und prüfen müssen? Man kann nie stehenbleiben und muss sich immer umsehen und darüber nachdenken, was man verbessern kann. Hier und da muss man immer kleine Anpassungen vornehmen. Ich denke aber, dass wir für die Zukunft auf einem guten Weg sind.

Noch eine Frage zum Schluss: Gibt es im Büro in Munderfing so etwas wie eine Rivalität zwischen euch und den Offroad-Jungs? Ja. Natürlich! Besonders nach den Siegen bei der Dakar, in der Supercross-Serie und der MXGP. Es war bisher ein gutes Jahr für KTM und nun ist es an der Zeit, dass wir auch in der MotoGPTM nachziehen. Es gibt immer eine gewisse Rivalität zwischen uns.

Heinz Kinigadner (AUT) & Jens Hainbach (GER) Losail (QAT) 2019 © Rob Gray


Fotos: Rob Gray | Gold and Goose

0 views0 comments

Comments

Rated 0 out of 5 stars.
No ratings yet

Add a rating
bottom of page