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Jorge Prado: Kann der Beste noch besser werden?

Mit gerade einmal 18 Jahren scheint MX2-Weltmeister Jorge Prado alles erreicht zu haben. Also haben wir die, die ihm am nächsten stehen, gefragt, ob die Nummer 61 überhaupt noch Verbesserungspotential hat?

Zuerst aber ein paar grundlegende Informationen: Jorge Prado ist erst seit kurzem alt genug, um offiziell Alkohol zu kaufen, gewann aber in seiner erst zweiten Saison die FIM-Motocross-Weltmeisterschaft 2018. Als Wildcard-Fahrer errang er bei seinem allerersten Rennen im Jahr 2016 in der MX2-Klasse einen Podestplatz und triumphierte zum ersten Mal als Red Bull KTM-Rookie bei seinem sechsten Rennen im Jahr 2017. Er ist der erste Weltmeister aus Spanien. Außerdem hat kein anderer Fahrer (in allen Klassen) in den Jahren 2016 und 2017 mehr Starts als er gewonnen.

Prado ist technisch extrem stark und schießt wie kein anderer aus dem Startgatter, macht kaum Fehler, ist körperlich in Topform und ein Schützling seines Teamkollegen Tony Cairoli sowie des De Carli Teams bei Red Bull KTM. KTM Motorsport Director Pit Beirer sagte kürzlich, dass Jorge aus demselben Holz geschnitzt sei wie andere Fahrer, die bereits als Teenager sensationelle Erfolge feierten, wie zum Beispiel Ken Roczen und Jeffrey Herlings.

Jorge Prado (ESP, #61) KTM 250 SX-F Pietramurata (ITA) 2019 © Ray Archer


Bis jetzt ist Prado in der Saison 2019 ungeschlagen. Aufgrund eines Hämatoms in seiner linken Schulter, das er sich bei einem Trainingsunfall zugezogen hatte, musste er den britischen Grand Prix auslassen, konnte aber jeden verbleibenden Lauf und jedes einzelne Rennen für sich entscheiden. Prado sagt, dass er auch 2019 mit der Nummer 61 starten will (anstatt auf die ‚6‘ zu verzichten), weil er nicht glaubt, in seiner Karriere genug geleistet zu haben, um die Nummer 1 zu verdienen. Eine etwas merkwürdige und bescheidene Selbsteinschätzung und ein Beweis dafür, dass Prado mit seiner Entwicklung noch nicht am Ende ist. Fans, der Rest des Fahrerlagers, seine Rivalen und selbst die, die bei KTM eng mit dem Mann aus Galizien arbeiten, sind sich aber einig, dass sein Talent und seine Fähigkeiten kaum zu steigern sind.

„Was sein Fahrkönnen und seine Technik betrifft, sehe ich nicht mehr viel Verbesserungspotential“, gibt KTM Motocross Manager Joel Smets ehrlich zu. „Sein Timing ist so gut wie perfekt. Er muss sich einen Sprung nur einmal ansehen, um ihn perfekt landen zu können. Seine Position auf dem Bike ist ebenso gut und auch seine Starts sind umwerfend! Es ist kaum vorstellbar, wie er die noch verbessern könnte.“

David, der Sohn von Team Manager Claudio de Carli, arbeitet, trainiert und instruiert Prado, seit dieser in der Winterpause 2017 nach Italien übersiedelte. Zwar gibt David zu bedenken, dass „das zweite Mal immer schwieriger ist“, wenn es darum geht, Meisterschaften zu gewinnen, Prado dominiert die MX2-Saison 2019 bisher aber ohne Zweifel. „Als unsere Zusammenarbeit letztes Jahr begann, fanden wir einige Dinge, die wir an unserem Training verbessern konnten. In der aktuellen Saison fährt er aber in einer ganz eigenen Liga und die ist momentan wirklich auf einem sehr, sehr hohen Niveau“, fügt David hinzu. „Wenn er mit Tony trainiert, und das tun sie sehr oft, geht es fast wie in einem Rennen zu. Die beiden hetzen einander bis an die Grenzen und das Ergebnis ist für beide positiv. Jorge ist jetzt ein weiteres Jahr älter und erfahrener: Es ist ganz normal, dass er besser ist.“

De Carlis Rolle bei der Weiterentwicklung Prados kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Statt Belgien wurde das Haus der Familie in Rom zur Operationsbasis. Seit seiner unbeständigen Rookie-Saison – in der der damals 16-Jährige vier Siege feierte, aber auch zwei Läufe aufgrund von Erschöpfung aufgeben musste – entwickelte sich sein Potential rasend schnell weiter. „Je mehr du zu einer Einheit wirst, desto stärker wirst du … natürlich ist das aber nicht ganz einfach“, so De Carli. „Du musst die Persönlichkeit des Fahrers kennen und wissen, wie du auf ihn zugehen musst. Du musst direkt mit ihm reden und Verwirrung vermeiden, dann bist du auf einem guten Weg.“

In seiner Rolle als Trainingspartner und neben seinen eigenen Anstrengungen in der MXGP, war auch Tony Cairoli in die Entwicklung Prados involviert. „Jorge hat einen großartigen Lauf und ich glaube, dass er sich gegenüber dem letzten Jahr stark verbessert hat“, so die Nummer 222. „Er ist viel schneller und körperlich stärker geworden. Ich glaube, dass 2019 ein noch besseres Jahr für ihn werden wird und dass er stark abschneiden wird. Glücklicherweise ist er auf dem Boden geblieben.“

„Er hat sich gut entwickelt“, sagt MX2 Team Manager und Red Bull KTM Technical Director Dirk Grübel. „Am Anfang fehlte es ihm noch an Kraft. Das lag aber an seinem Alter und es sieht so aus, als ob er 2018 da herausgewachsen ist. Er ist auch nur ein Mensch und in dieser Saison hat er einen Fehler gemacht und sich beim Training verletzt. Manchmal weißt du nicht, welche Auswirkungen eine Verletzung haben wird, aber in Sachen Technik und Speed ist es kaum vorstellbar, wie er noch besser werden könnte.“

Jorge Prado (ESP) KTM 250 SX-F Pietramurata (ITA) 2019 © Ray Archer


Bei 44 Grand Prix-Rennen hat Prado 27 Podestplätze errungen – bei 20 davon stand er ganz oben. Seine Ausbeute in einer so kurzen Zeit ist umwerfend und er ist bereits jetzt der erfolgreichste Spanier in der Geschichte der FIM-Weltmeisterschaft.

Trotzdem muss er Schwächen haben, oder?

„Momentan fallen mir keine ein“, so De Carli lächelnd. „Ich glaube, dass wir uns seit 2018 bereits enorm verbessert haben und dass der Trainingssturz der einzige Schnitzer war, den wir hätten vermeiden können.“

„Körperlich hat er immer noch Verbesserungspotential“, sagt Smets, fügt aber hinzu, dass „er es technisch bereits jetzt mit jedem anderen aufnehmen kann.“

„Manches Mal könnte seine Rennstrategie noch etwas besser sein“, fällt dem Belgier nach einigem Nachdenken dann doch ein. „Er wird manchmal etwas übermütig, was zu Fehlern führt. Er erinnert mich etwas an Ben Townley [er wurde 2004 der erste MX2-Weltmeister aus dem Red Bull KTM-Stall]. Bei ihm war es ähnlich: Er hatte so viel Selbstvertrauen, dass es schon fast gruselig war! Es geht darum, innerhalb der eigenen Grenzen zu fahren und konzentriert zu bleiben. Jorge ist eventuell etwas zu unbekümmert. Das gleiche trifft auch auf ein paar der anderen Jungs zu. Man kann das an der Art sehen, wie sie miteinander kämpfen, das Bike bewegen und Spaß an der Sache haben. Ein Rennen richtig einzuschätzen, ist eine Sache der Erfahrung. Ich denke, dass es in Jorges Alter ganz normal ist [damit Probleme zu haben]. Wenn er das einmal verinnerlicht hat und sein Selbstvertrauen in die richtigen Bahnen geleitet hat, wird er wohl komplett unschlagbar sein.“

Für Grübel hat das Leben als Top-Athlet auch noch eine andere Seite. „Du musst in der Lage sein, mit dem Druck fertigzuwerden“, so der Deutsche. „Alle glauben, dass es ihm so leicht fällt. Diese Leute sollten sich aber erinnern, wie sie mit siebzehn oder achtzehn Jahren dachten! Sie könnten sich bestimmt nicht einmal vorstellen, wie es ist, in diesem Alter der beste MX2-Motocross-Fahrer der Welt zu sein. Natürlich träumen alle Kids in diesem Sport davon, es so weit wie Jorge zu bringen. Das aber tatsächlich zu schaffen und dem ganzen Druck der Medien, der anderen Fahrer und manchmal selbst der Familie standzuhalten, ist eine andere Sache: Es ist hart. Er macht seine Sache gut. Er ist einer der jüngsten Champions aller Zeiten. Und er ist ein Wirbelwind!“

Jorge Prado (ESP) KTM 250 SX-F Pietramurata (ITA) 2019 © Ray Archer


Diese Analyse führt uns dazu, wohin seine Reise geht und was Prado als Nächstes vorhat. Sollte er die MX2 2019 neuerlich gewinnen, muss er die Klasse verlassen. Red Bull KTM könnte im nächsten Jahr ein MXGP-Dream-Team mit Prado, Herlings und Cairoli auf KTM 450 SX-Fs einsetzen. Dieser Weg könnte die Dynamik auf der De Carli-Seite des Teams verändern und würde Prado wohl endlich dazu bringen, ein Auge auf die Startnummerntafel mit der Nummer 1 zu werfen. Außerdem würde das eine weitere Herausforderung mit sich bringen: Die, ein hubraumstärkeres Motorrad zu meistern und gegen wesentlich erfahrenere Konkurrenz zu bestehen. Wie schwierig diese Aufgabe ist, bewies etwa Jeffrey Herlings Fehleinschätzung bei seinem Einstieg 2017. Gleichzeitig erarbeitete sich der Niederländer damit die Einstellung, die seine triumphale Saison 2018 und den Titelgewinn erst möglich machte.

„Es wird interessant werden, zu sehen, wie er sich mit seiner Körpergröße in der MXGP macht: Neben Jeffrey sieht er winzig aus, wächst aber noch und nutzt beim Fahren mehr sein Talent und seine Technik als seine Kraft“, so Grübel. „Ich habe ihn bereits eine 450er fahren sehen und muss sagen, dass ich beeindruckt war … allerdings war er nur zum Spaß unterwegs.“

„Wir versuchen derzeit, nicht zu viel darüber nachzudenken … ich glaube aber, dass er aufgrund seines Stils ein großartiger 450ccm-Fahrer wäre“, gibt De Carli zu Protokoll, warnt aber gleichzeitig: „Die 450er-Klasse ist ein weiterer großer Schritt.“

„Wenn er wirklich in die MXGP aufsteigen will, benötigt er etwas mehr Kraft und generelle Fitness … das sollte sich aber von selbst ergeben, da er ja erst 18 ist und noch wächst“, gibt Smets zu bedenken. „Mit 20 oder 21 ist er sicher stärker und man kann sich vorstellen, wie das zusammen mit seinen Fähigkeiten werden wird. Wenn er einmal so weit ist, werden seine Konkurrenten nicht zu beneiden sein.“

Und dann sind da noch die USA. Zwischen Ende 2015 und Anfang 2016 verbrachte Prado einige Zeit in Kalifornien, um die dortigen Supercross-Strecken zu testen und sich anzusehen, wie es wäre, den Schritt über den Atlantik zu wagen. „Er träumte sein ganzes Leben lang davon und ich weiß nicht, ob dieser Traum noch immer existiert“, so Grübel. In den letzten 18 Monaten war es recht still um Jorges Umstieg in den SX-Sport – eventuell, weil seine Zusammenarbeit mit dem De Carli-Team so gut funktioniert. „Ich wäre natürlich froh, wenn er in Europa bliebe. Gleichzeitig ist es seine Entscheidung und wir wollen seinen Träumen nicht im Wege stehen“, so David.

Jorge Prado (ESP) KTM 250 SX-F Pietramurata (ITA) 2019 © Ray Archer


Prado ist ein Talent, wie man es nicht alle Tage sieht, aber auch ein Produkt des KTM-Programms: derselben Expertise, die bereits einem anderen Rookie, dem ebenfalls 18-jährigen Tom Vialle, zu seinem Durchbruch im Jahr 2019 verholfen hat.

„Er ist jetzt schon lange bei uns. Wir haben ihn als 10-Jährigen in der 50-/65ccm-Klasse entdeckt und haben ihn seitdem unterstützt und intensiv trainiert“, so Grübel zum Werdegang des Spaniers. „Er ist da irgendwie hineingewachsen und das hilft ihm dabei, den Ruhm zu verdauen und zu sehen, wie die anderen Jungs, die älteren Jungs ans Rennfahren herangehen. Im Gegensatz dazu, alles alleine zu machen, kann man so in kurzer Zeit viel lernen. Wir versuchen, ihn mit dem besten Material zu unterstützen, genau wie wir es auch mit unseren anderen Fahrern tun. Und es sieht so aus, als ob unser Weg ein guter wäre – besonders, wenn man sich ansieht, wie viele Weltmeister wir hervorgebracht haben.“

In den letzten 15 Jahren hat Red Bull KTM Townley, Tyla Rattray, Marvin Musquin (zweimal), Roczen, Herlings (dreimal), Jordi Tixier, Pauls Jonass und Prado zu MX2-Titelinhabern gemacht. Das orangefarbene Team besitzt einen unglaublichen Wissens- und Erfahrungsschatz und so ist das Lob, das Prado von der Truppe zuteilwird, besonders hoch einzuschätzen – speziell, wenn man sich ansieht, was es mit der KTM 250 SX-F erreicht hat.

„Es ist fast wie Magie“, so Smets zu den Fähigkeiten des Spaniers. „Ich habe gesehen, wie er gleich vom ersten Tag an Dinge gezeigt hat, die einem die Kinnlade nach unten fallen lassen. Ok, er hat ein paar Supercross-Rennen bestritten, aber nicht viele in den USA und keine Meisterschaftsrennen. Es ist also alles natürlich. Zu sehen, wie er sein Bike bewegt, stellt mir beinahe die Nackenhaare auf. Ich rede jetzt nicht von normalen Doubles und Triples, sondern von Hindernissen, die niemand anderer so nimmt wie er. Er erkennt neue Wege, probiert sie und meistert sie beim ersten Anlauf. Er ist ein Naturtalent, mit viel Intuition und Fahrgefühl. In diesem Sport kannst du mit deinem Herzen viel erreichen und es gibt Fahrer, die keine Angst kennen. Aber das funktioniert oder nicht. Mit Jorge verhält es sich anders. Bei ihm funktioniert alles.“

Zu guter Letzt: Was hat der Teenager selbst zu sagen? Was gibt es noch zu tun?

„Wenn ich mein Training oder Rennen analysiere, denke ich ´Ich könnte hier noch schneller sein´ oder ´Ich kann hier schneller in die Kurve fahren, wieder früher ans Gas gehen oder das Bike mehr rollen lassen´: Im Motocross weißt du nie genau, wo das Limit liegt. Eine halbe Sekunde pro Runde kann am Ende eines Rennens sehr viel ausmachen. Es ist ein anspruchsvoller Sport und ich kann mich glücklich schätzen, Tony als Trainingspartner und damit die bestmögliche Referenz zu haben. Manchmal sind wir auf der Strecke und er fährt eine extrem gute Runde und ich kann nicht mit ihm mithalten! Das sind die Momente, in denen ich weiß, dass es noch Verbesserungspotenzial gibt! Ich habe noch eine Menge Arbeit vor mir, um sein Level zu erreichen. Es ist schwierig, sich auf diesem Niveau weiter zu verbessern … aber mit Tony als Referenz bin ich jeden Tag motiviert zu pushen und das Beste aus mir herauszuholen.“

Jorge Prado (ESP) KTM 250 SX-F Mantova (ITA) 2019 © Ray Archer


Fotos: Ray Archer

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