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Interview des Monats: Vertragsverlängerung – Warum Jeffrey Herlings bei KTM bleibt

Wir sprachen mit Pit Beirer über den neuen Dreijahresvertrag des KTM-Motocrossstars.

Es sind nur noch drei Rennen in der FIM Motocross-Weltmeisterschaft 2016 und nachdem er die MX2-Klasse die gesamte Saison dominierte, steht Jeffrey Herlings mit seiner KTM 250 SX-F kurz vor dem Gewinn seiner dritten Weltmeisterschaftskrone im Alter von gerade einmal 21 Jahren. 2017 steigt der Red Bull KTM-Athlet in die MXGP auf und obwohl er vertraglich noch ein Jahr an das Team gebunden ist, erregten Angebote anderer Hersteller für die Saison 2018 und darüber hinaus große Aufmerksamkeit.

Der Niederländer ist einer der herausragenden Rennfahrer in der Grand Prix-Szene und einer der begehrtesten Athleten in der internationalen Motocross-Szene. KTM Motorsport Direktor Pit Beirer freute sich deshalb umso mehr über die Vertragsverlängerung der Nummer ‘84’ mit dem Team, mit dem Herlings 2010 als 15-Jähriger in die Weltmeisterschaft kam.

Jeffrey Herlings (NED) KTM 250 SX-F Saint Jean d´Angely (FRA) 2016

Jeffrey Herlings (NED) KTM 250 SX-F Saint Jean d´Angely (FRA) 2016


Wir fragten Pit nach den vielen kleinen Details, die es braucht, um den Vertrag mit einem der größten Namen und Talente in der Welt des Motorradsports zu verlängern

Pit, das war wahrscheinlich einer der schwierigsten Verträge, die du je verhandelt hast … „Eigentlich nicht. Jeffrey fährt schon seit sehr jungen Jahren für die gleiche Marke und das gleiche Team; da kann ich es verstehen, wenn ein Fahrer eines Tages denkt ‘Ich kann nicht meine ganze Karriere auf dem gleichen Bike fahren’. Das hat bisher noch niemand gemacht und war deshalb eine riskante Situation für uns. Wir geben immer unser bestes für die Fahrer, aber natürlich haben sie Zweifel und denken ‘auf der anderen Seite ist das Gras immer grüner’. Ich glaube, das war mit ein Grund, warum Jeffrey mit anderen Teams gesprochen hat und er hat ein paar wirklich große Angebote bekommen. Es waren ein paar ziemlich verrückte Angebote dabei, aber nicht so verrückt, wie in der Presse geschrieben wurde; darunter waren auch Angebote auf ‘MotoGP-Niveau’, aber die waren dann nicht mehr realistisch. Er hatte diese großartigen Angebote und es ist normal, dass ein 21-Jähriger das viele Geld sieht, die neue Herausforderung und sich fragt, ‘ist das Team so gut? Oder bin ich es, der im Team so gut ist?’. Während der Verhandlungen gab es einen Moment, in dem ich einfach losgelassen habe. Ich sagte zu Jeffrey, dass mich die Angebote der anderen Hersteller ärgerten, denn eineinhalb Jahre vor Vertragsende neu zu verhandeln, ist einfach zu früh. Stell dir vor, er hätte woanders unterschrieben? Wie kann man Marketing-Aktivitäten planen und ein gutes Gefühl im Team aufbauen, wenn man weiß, er verlässt das Team? Wir sind auch immer früh dran, Angebote zu machen und anderen Fahrern Verträge anzubieten, aber nicht eineinhalb Jahre im Voraus! Das ist verrückt. Wir haben in unseren Unterhaltungen viele Themen besprochen, aber am Ende habe ich nur gesagt: “Du weißt, wo ich bin und wir werden dir ein Angebot vorlegen … triff keine übereilten Entscheidungen.” Mehr habe ich nicht gesagt. Das war rund um den Mantova-GP im späten Juni. Er hatte genug Zeit, sich zu entscheiden und wir bereiteten ein Angebot mit einigen Details vor, durch die er genau das bekam, was er wollte und ich spreche nicht über Geld, eher über die Entwicklung des Bikes, die richtigen Ingenieure und die richtigen Leute in seinem Umfeld, um seine Zukunft sicherzustellen. Lange Rede kurzer Sinn: Am Sonntag vor dem GP in der Schweiz verabredeten wir uns per SMS für ein Meeting in meinem Büro. Jeffrey kam gegen 9 und um 10 Uhr war der Vertrag unterschrieben. Es gab also keine weiteren Verhandlungen oder Gespräche; es war eine schnelle Entscheidung und ich bin sehr, sehr glücklich. Er hatte die Chance, sich umzuschauen und herauszufindend, was andere anbieten, aber ich sagte ihm “wenn du nicht glaubst, einen besseren Partner finden zu können, dann komm zurück“. Er ist stärker mit uns und wir sind definitiv stärker mit ihm. Wir kennen ihn sehr gut und wissen, was er braucht, um gute Leistungen zu bringen und ich bin mir nicht sicher, dass ein anderes Team das auf Anhieb leisten könnte.“

Gab es eine Zeit, in der du wirklich fürchten musstest, dass er gehen könnte? „Der Moment, in dem du realisierst, dass er Angebote hat … und keine Angebote von drittklassigen Teams! Das hat mich kalt erwischt, denn ich wollte nicht eineinhalb Jahre vor Vertragsende mit neuen Verhandlungen beginnen und wegen ein paar Klauseln im aktuellen Vertrag, hätten die Gespräche auch umsonst sein können. Jeffrey ist in gewisser Weise ‘unser Baby’ und wir sind zusammen erwachsen geworden. Ich hätte ihn nicht gerne in einem anderen Team gesehen; es wäre eine persönliche Enttäuschung auf zwischenmenschlicher Ebene gewesen, denn wir haben sehr viel für ihn gegeben … und ich glaube, das war ein wichtiger Grund, warum er geblieben ist. Er weiß, wie gerne wir mit ihm arbeiten möchten.“

Jeffrey Herlings (NED) & Pit Beirer (GER) 2016

Jeffrey Herlings (NED) & Pit Beirer (GER) 2016


Du sagtest, es war kein Vertrag auf MotoGP-Niveau, aber wahrscheinlich waren trotzdem ein paar Anrufe und Gespräche mit Herrn Pierer über das entsprechende Budget usw. nötig … „Ja, aber diese Hausaufgaben haben wir sofort erledigt und ich konnte bereits ein paar Monate vorher absehen, dass diese Situation kommen würde. Ich sagte Herrn Pierer, dem Vorstand und Kini, dass ich Jeffrey gerne unter allen Umständen halten würde. Ich erhielt volle Unterstützung und Rückendeckung und nach einem Gespräch war es geklärt. In der ersten Woche der Betriebsferien bat Jeffrey dann um ein Treffen und ich war gut vorbereitet. Allerdings bewegt sich der Deal auf einem Niveau, auf dem man mit Herrn Pierer sprechen und nachfragen muss, „ob dieses Level immer noch Ok ist für Motocross?“, denn was wir im Motocross ausgeben, verdienen wir auch im Motocross; mit dieser Strategie sind wir bisher in allen Disziplinen gut gefahren. Wir geben kein Motocross-Geld für die MotoGP aus, das steht fest. Das Geld für die MotoGP haben wir im Street-Segment verdient. Wir bewegen uns auf einem hohen Niveau, aber ich bin kein Manager, der darauf abzielt, die Gehälter der Fahrer gering zu halten, denn auch ich war ein Fahrer und ich weiß, wie viel Risiko sie gehen und wie hart sie arbeiten im Vergleich zu anderen Sportarten. Ich denke, jeder Euro, den wir diesen Fahrern bezahlten, ist es wert, denn sie riskieren Kopf und Kragen für uns. Ich bin froh, wenn ich ein professionelles Gehalt zahlen kann, denn der Sport verdient das.“

Wenn er es nicht bereits war, dann gehört er auf jeden Fall jetzt zu den Top-KTM-Athleten … „Er bewegt sich auf einem Niveau mit Ryan Dungey und Tony Cairoli und so sollte es auch sein.“

Jeffrey Herlings (NED) Valkenswaard (NED) 2016

Jeffrey Herlings (NED) Valkenswaard (NED) 2016


Du erwähntest ein paar Details in dem neuen Vertrag. Kannst du darüber sprechen? Hat er in manchen Dingen mehr Entscheidungsfreiheit? „Zum Beispiel wollte er sicherstellen, dass die gleichen Jungs, mit denen er jetzt zusammenarbeitet, auch in Zukunft mit ihm arbeiten werden. Wir müssen niemand neuen engagieren, um ihn glücklich zu machen und er wollte sichergehen, dass sein Team mit Dirk, Valentina, Wayne und Ruben unverändert bleibt.“

Ich weiß, deine Sportler haben die Freiheit zu sprechen und über andere Serien nachzudenken, Marvin Musquin und Ken Roczen sind in die USA gewechselt, hat Jeffrey den Wunsch geäußert, in eine andere Serie zu wechseln? „Nein, Jeffrey möchte in jedem Jahr, in dem er fährt, Motocross-Weltmeister werden. Während der Vertragsverhandlungen kann man gar nicht anders, als diesen Jungen in sein Herz zu schließen, denn jede Forderung, die er an uns stellt, zielt darauf ab, die Weltmeisterschaft zu gewinnen und nun möchte er sein Glück in der MXGP versuchen. Das ist schön zu sehen. Er fragt nach den besten Voraussetzungen, um zu gewinnen, nicht danach, ein komfortables Leben oder einen Swimmingpool an der Strecke zu haben. Seine Forderungen passen zu seiner Vision und seinem Ziel und deshalb sind wir bereit, für ihn diese kleinen Extraanstrengungen zu unternehmen. Es gab keine komischen Forderungen. Es ging vor allem darum, dass er Zugang zum Sprinter, zu den Mechanikern, zu Benzin und den Teststrecken hat. Er fragt nach diesen Details, wohingegen andere Jungs einfach nur mehr Geld verlangen. An dem Punkt bin ich manchmal enttäuscht. Jemand bietet einem Fahrer vielleicht 10 oder 50.000 Euro mehr und an diesem Angebot messen sie dich. Wenn der Vertrag unterzeichnet ist, verlangen sie trotzdem all die anderen Dinge wie die Werkstatt in Rom und die Strecke von Claudio De Carli, die Werkstatt in Belgien, das Werksteam in Österreich, die Vans, die Strecken. Jeffrey fordert ein vernünftiges Gehalt, aber er möchte auch, dass all diese Details geklärt sind und das gilt leider nicht für alle Piloten. Wir investieren einen großen Teil unseres Budgets in dieses Setup und in das Training in der Winterzeit. Er respektiert das und drängt darauf, dass diese Dinge funktionieren.“

Jeffrey Herlings (NED) KTM 250 SX-F Pietramurata (ITA) 2016

Jeffrey Herlings (NED) KTM 250 SX-F Pietramurata (ITA) 2016


Herlings ist wahrscheinlich ein einmaliges Talent seiner Generation, es muss eine komische Situation für dich sein, wenn es in die Verhandlungen geht … „Ja. Ich bin ein Manager, der Verhandlungen in verschiedensten Disziplinen führt und wichtige Verträge abschließt; MotoGP war für mich bis vor Kurzem ein großartiger, aber ziemlich ferner Sport, jetzt bin ich mittendrin! Als Motorsport-Fan gefällt es mir nicht, wenn ich lese, dass ein Fahrer einen Vertrag bei einem anderen Team unterschreibt, aber noch eine Saison mit seinem aktuellen Team zu fahren hat. Das finde ich merkwürdig. Wir fahren Rennen, weil wir es lieben und als Team kämpfen und arbeiten wir füreinander. Es geht für uns nicht um den Vertrag oder das Geld; wir sind zusammen, weil wir das gleiche Ziel verfolgen und wir uns mögen. Wenn einer meiner Fahrer ein Jahr im Voraus einen Vertrag bei einem anderen Team unterzeichnet, wäre es mir um ehrlich zu sein lieber, wenn er uns noch am gleichen Tag verlässt. Ich hatte genau so eine Situation mit einem guten europäischen Fahrer, der mir von einem großartigen Angebot eines US-Teams erzählte. Ich nahm seinen Vertrag, riss ihn vor seinen Augen in kleine Stücke und schmiss sie in den Müll. Das war in Teutschenthal vor vier Jahren und ich sagte, „wenn du für dieses Team fahren möchtest, dann geh, aber bitte geh am Montag und nicht erst nächstes Jahr.“ Wenn jemand nicht Teil unseres Teams sein möchte, dann ist es mir lieber, wenn er geht. Wir stecken so viel Leidenschaft in unsere Projekte, dass wir niemanden zwingen bei uns zu bleiben, der das eigentlich gar nicht will. Es ist eine freie Welt und grundsätzlich kann jeder gehen wohin und tun, was er will … auf der anderen Seite gebe ich alles, um mein Team und die, die bei uns bleiben wollen, zu halten. Auf diese Weise werde ich weiterarbeiten, solange wie ich meinen Schreibtisch in Mattighofen habe.“

Fotos: KTM

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