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Interview des Monats: Der Rookie – Wie es sich anfühlt, in der MotoGP™ zu fahren? Miguel Oliveira sp

Die Ironie dabei ist, dass der 24-Jährige gar kein echter ‚Rookie‘ mehr ist. Miguel Oliveira ist der erste Athlet, der sich auf der neu etablierten Grand-Prix-Leiter des Red Bull KTM-Teams von der Moto3TM (6 Siege) und der Moto2TM (6 Siege und 21 Podestplätze) bis in die Königsklasse hochgearbeitet hat. Die neue Partnerschaft mit dem Tech3 MotoGPTM-Team in der Saison 2019 bot dem einzigen Portugiesen in der Kategorie eine perfekte ‚Lernumgebung‘ und er überzeugte die Verantwortlichen bei den ersten Rennen sofort mit seiner harten Arbeit, seiner Intelligenz, seiner Einstellung und seinem Speed, sodass sein Vertrag mit KTM schnell bis 2020 verlängert wurde.

Der eher kleingewachsene und kompakt gebaute Miguel besitzt einen ausgeprägten Sinn für Humor und hat sich am Lenker des jüngsten Motorrads in der Startaufstellung in der MotoGPTM gut eingelebt. Bei Redaktionsschluss hat er sogar mehr Punkte geholt als Pecco Bagnaia, sein Rivale aus der Moto2TM-Saison 2018, und kam in der ersten Saisonhälfte zumindest zweimal in die Nähe der Top-Ten.

Wir treffen einen gut gelaunten Miguel, der immer noch dabei ist, den Nervenkitzel und den Schwierigkeitsgrad der Königsklasse des Motorrad-Rennsports kennenzulernen.

Miguel Oliveira (POR) 2019 © Sebas Romero


Miguel, du hast sicher gewisse Vorstellungen davon gehabt, was du für die MotoGPTM brauchst. Hast du für 2019 dennoch irgendetwas an deinem Training, deiner mentalen Einstellung oder deinem Programm verändert, um der Herausforderung gewachsen zu sein? „Mein körperliches Training wurde etwas angepasst, da uns klar war, dass größere Kräfte auf meinen Körper wirken würden. Wir haben uns mehr auf meinen Oberkörper konzentriert, um ihn stärker zu machen. Und wenn du dort so stark an Muskelmasse zulegst, musst du irgendwie auch am Rest arbeiten, um deine Gesamtverfassung und -form zu verbessern! Natürlich muss man auch die Ernährung umstellen, wenn man anders trainiert. Abgesehen davon war es wie ein weiterer ‚Schritt‘, genau wie der von der Moto3TM in die Moto2TM. Nur etwas intensiver. Eigentlich war es ein ganz normaler Winter.“

Zwei Jahre lang hast du dich mit den Besten der Moto2TM gemessen. Musstest du dich auch mental an die Rennen in der MotoGPTM und an deine neue Rolle anpassen? „Ja klar … aber das geht ganz von alleine. Es war nicht so, dass ich zu mir selbst sagen musste ‚Ok, jetzt liegt dieser Abschnitt [als Sieger] hinter dir – jetzt musst du mental umstellen.‘ Es ist eher so, dass die Leute um dich herum dir klarmachen, dass dies dein erstes Jahr mit dem Bike ist, dass es nicht großartig werden wird und dass du keine Podestplätze erringen wirst. Es geht darum, deine Zukunft langfristig zu sehen. Wenn du das einmal ‚verinnerlicht‘ hast, wird es einfacher, bei jedem einzelnen Rennen an den Start zu gehen.“

Miguel Oliveira (POR) KTM RC16 Sachsenring (GER) 2019 © T. Boerner


Hattest du viele Fragen speziell zur MotoGPTM? Etwa so wie damals, als du in den Grand-Prix-Sport eingestiegen warst? Fragen wie: Wie wird es werden? Wie wird es sich anfühlen? Wie werde ich abschneiden? „Natürlich stellst du dich selbst in Frage. Besonders dann, wenn du dir darüber bewusst wirst, dass du ein extrem leistungsstarkes Bike bewegen wirst und nicht viel Zeit zur Vorbereitung hast! Der erste Test war ein gutes Beispiel: Nur einen Tag, nachdem ich das Rennen in Valencia gewonnen hatte, kehrte ich zur selben Strecke zurück und fuhr ein Bike, über das ich absolut nichts wusste und das ich nicht kontrollieren konnte! Ich fragte mich, wie ich dieses Biest würde zähmen können?! Es war wirklich komisch: Ich hatte wirklich das Gefühl, keine Kontrolle zu haben und das war sehr ungewohnt! Es ist leicht, schnell die Orientierung zu verlieren. Man muss langsam anfangen. Glücklicherweise half mir das Team tatkräftig bei der Umstellung. Alle waren sehr ruhig und ich versuchte, auch ruhig zu bleiben, und mir meine Rundenzeiten nicht anzusehen. Ich versuchte, die Informationen aufzunehmen und hart zu arbeiten.“

Wie bereitest du dich typischerweise abseits der Strecke vor? Bist du jemand, der viel nachdenkt und analysiert? „Jeder Fahrer hat so seine eigenen Strategien und es gibt keine richtige, beste oder korrekte Strategie. Ich analysiere gerne, ohne den Spaß aus den Augen oder die Nerven zu verlieren. Beim Auswerten von Bildern oder Videos gehe ich nicht bis ins kleinste Detail. Ich versuche auch, meinen Emotionen zu folgen: Das ist wichtig, um zu verhindern, dass du dich in einen Roboter verwandelst. Wenn irgendetwas nicht passt, wirst du kurzfristig langsamer.“

Miguel Oliveira (POR) Sachsenring (GER) 2019 © T. Boerner


Woher beziehst du dein Selbstvertrauen? Emotionen? Resultate? Rundenzeiten? „Im Laufe meiner Karriere fuhr ich mit den verschiedensten Emotionen – mit unterschiedlichen Resultaten. Meistens decken sich die besten Gefühle nicht mit den Resultaten! Wenn sich eine Sache gut anfühlt und die Resultate sich nicht mit den Erwartungen decken, musst du dieses Gefühl ins nächste Rennen mitnehmen. Für mich ist das gute Gefühl auf dem Bike während des Rennens wichtiger als das Ergebnis, obwohl es andersrum einfacher ist, weil Ergebnisse messbar sind, und wenn die Ergebnisse passen, kannst du entspannen.“

Das Ganze ist also wie eine Entdeckungsreise … „Wenn du dir unseren Sport ansiehst, wirst du feststellen, dass Instinkte und das Gefühl darüber entscheiden, wie schnell du ein Motorrad bewegen kannst. Wenn du dich im Grenzbereich bewegst, geht es darum, wie gut du dich in diesem Grenzbereich fühlst und ob du schneller fahren kannst oder nicht. Natürlich gibt es gewisse Einschränkungen und komplexe Dinge an den Bikes, aber prinzipiell geht es in der MotoGPTM darum, sich am Limit so gut wie möglich zu fühlen. Um das zu erreichen, musst du Vertrauen in dich selbst und in dein Gefühl haben! Jedes Mal, wenn wir uns auf die Strecke begeben, bewegen wir uns in diesem extrem schmalen Bereich.“

Miguel Oliveira (POR) KTM RC16 Assen (NED) 2019 © T. Boerner


Du hast davon gesprochen, auf einem MotoGPTM-Bike die Orientierung zu verlieren: Breitet sich zu deinem Gefühl mit dem Bike ähnlich schnell Verwirrung aus? Eine Runde fühlt sich vielleicht eine Sekunde schneller an, als sie wirklich war … „Ja, schlussendlich geht es immer um das richtige Gleichgewicht. Man darf nicht zu kritisch, aber auch nicht zu entspannt an diesen Job herangehen oder einfach mitschwimmen und auf gute Ergebnisse hoffen. Man muss versuchen, diese beiden Faktoren gut zu vereinen: Das ist mein Ansatz.“

In Anbetracht deiner Erfolge in der Moto2TM muss es noch schwieriger sein, dieses Gleichgewicht zu finden, besonders nach deinem Sprung in die MotoGPTM … und besonders mit all der Aufmerksamkeit in Portugal … „Ha! Meine Karriere verlief in den letzten vier Jahren so [macht eine steil nach oben gehende Handbewegung]. Und es ist schön, wenn dir Anerkennung entgegengebracht wird, für gute Arbeit und dafür, dass du etwas verkörperst. In gewisser Weise bin ich glücklich, der einzige Portugiese im Starterfeld zu sein. Es ist wie beim portugiesischen Nationalteam: Alle Augen sind auf einen Spieler gerichtet.“

Miguel Oliveira (POR) Austin (USA) 2019 © Gold and Goose


Du bist also der Cristiano Ronaldo der MotoGPTM? „[Lächelt] So könnte man sagen. Natürlich gibt es andere Spieler mit dem Niveau von Ronaldo im Team und sie werden ihn bald ersetzen müssen! Ich bin glücklich, in dieser Lage zu sein.“

Kannst du den Menschen außerhalb Portugals erklären, wie es dir in deinem Heimatland geht? Schaffst du es in die Abendnachrichten? „Ja. In den Nachrichten komme ich gleich nach Cristiano. Insgesamt bin ich wohl Dritter nach [Jose] Mourinho! Auf jeden Fall wird mir viel Aufmerksamkeit zuteil! Das ist ein schönes Resultat dessen, was ich erreicht habe und wie meine Karriere verlaufen ist. Ich werde öfter erkannt und muss meinen Lebensstil etwas anpassen. Ich bin nicht jemand, der zornig wird, wenn mich jemand auf der Straße anspricht – schließlich war ich auch mal so. Ich war einmal ein kleiner Junge, der Valentino [Rossi] nach einem Autogramm fragte und ihm irgendeinen Fitzel Papier hinhielt. Ich kenne das Gefühl und weiß, dass es einen negativen Effekt gehabt hätte, wenn er mich zurückgewiesen hätte. Und deshalb tue ich das nicht. Die Fans sehen mich im Fernsehen und bekommen in den fünf Sekunden, die sie mit mir verbringen, einen Eindruck davon, wie ich als Person bin.“

Miguel Oliveira (POR) KTM RC16 Barcelona (ESP) 2019 © Philip Platzer


Das muss aber schon etwas mühsam sein … „So ist es. Trotzdem ist es größer als ich. Ich kann für mich alleine sein, wenn ich zu Hause bin. Das gehört einfach zu diesem Job dazu und wenn du das nicht akzeptieren kannst, solltest du lieber etwas anderes machen.“

Welche anderen Sportler haben dich in deiner Kindheit inspiriert? „Ich versuchte, Valentino nachzueifern, wo ich nur konnte. Ich hatte sogar einen Ohrring wie er! Ungelogen! Es ist schön, ein Vorbild zu haben – jemanden, zu dem du aufblicken und dem du folgen kannst. Später kannst du deine eigene Version deines Idols sein. Das ist ziemlich interessant.“

Miguel Oliveira (POR) Sachsenring (GER) 2019 © T. Boerner


Einen Effekt auf andere Menschen zu haben, muss ein zufriedenstellendes Gefühl sein. Es bedeutet, dass es bei deinem Job nicht nur um Pokale, den Nervenkitzel, den Vertrag und schöne Autos geht … „Es scheint für viele faszinierend zu sein, welche Auswirkungen es hat, ein guter Fahrer zu werden. Du kannst dieses ‚gute Leben‘ aber nur ein paar Jahre lang leben. Es ist wichtig, zu verstehen, dass man eine wichtigere Aufgabe hat und dass langfristig viel passieren kann. So sehe ich das. Ich will einen guten Einfluss auf die Kids haben, die mir Nachrichten schreiben und mir sagen, dass sie mich bewundern – selbst, wenn ich nur zwanzig davon erreiche, macht mich das glücklich. Es ist unbezahlbar, einen guten Einfluss auf das Leben eines anderen Menschen zu haben. Das ist wichtiger als jeder Vertrag oder ein protziges Auto.“

Wie sieht dich die Öffentlichkeit deiner Meinung nach als Fahrer? Du konntest bereits wichtige Erfolge feiern – es sah aber immer so aus, als müsstest du dafür hart arbeiten und bis ans absolute Limit gehen … „Die Geschichte meines Lebens und meines Landes. Es sieht so aus, als ob wir immer doppelt so hart für alles kämpfen müssen – das ist die Art der Portugiesen! Ich habe hart gearbeitet, um Resultate zu erreichen und es in Positionen und Teams mit vielen Herausforderungen zu schaffen, und ich hatte am Ende immer Erfolg. Diese Erfahrung hat mich als Mensch gestärkt und mich zu einem schnelleren Fahrer gemacht. Wenn ich auf einem siegfähigen Bike fahre, dann gewinne ich: So einfach ist das!“

Miguel Oliveira (POR) KTM RC16 Le Mans (FRA) 2019 © Marcin Kin


Fotos: Sebas Romero | T. Boerner | Gold and Goose | Philip Platzer | Marcin Kin

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