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Heroes: Wayne Gardner

Der australische 500ccm-Star begeisterte in einer goldenen Ära des GP-Sports …

Helden: wie werden sie zu dem, was sie sind? Wie werden Individuen zu ‘Ikonen’, ‘Legenden’ oder sogar ‘Idolen’? Klar, als Kinder sind wir alle leicht zu beeindrucken. Manche Menschen können tiefgreifenden Einfluss ausüben, ganz egal, ob sie eine Rede halten, in ein Mikrofon singen oder bei Aktivitäten glänzen, die unmöglich schienen. Aber auch das Zwischenmenschliche spielt eine Rolle. Die Vorstellung, dass eine bekannte Persönlichkeit freundlich und nahbar ist und eine Art der Verbindung entsteht.

Wayne Gardner © Juan Pablo Acevedo

Wayne Gardner © Juan Pablo Acevedo


Für ein Kind, das mit Rennsport aufgewachsen ist und regelmäßig die Rennstrecken in Großbritannien besucht hat, war dieser enthusiastische australische Akzent, der auf einmal durch die Lautsprecheranlage an der Strecke schallte, irgendwie überraschend. Wayne Gardner wurde im Oktober 1959 in der australischen Industriestadt Wollongong geboren. Bereits im Alter von 21 Jahren hinterließ er erste Eindrücke auf britischen Rennstrecken und begann seine Karriere mit Honda – eine Verbindung, die seine gesamte Karriere andauerte. Für ein sieben- oder achtjähriges Kind, das im Gras sitzend das Rennen in Brands Hatch beobachtete, musste es einfach klingen, als käme Gardner vom anderen Ende der Welt. Witzig, unbeschwert, schnell und kompromisslos auf dem Asphalt; ich bin mir sicher, dass ich nicht der einzige war, der sich fragte ‘wer ist das?’

Gardners Entscheidung, seine professionelle Karriere bei den British Superbikes zu beginnen um dann über Honda Britain von 1985 bis 1992 Werksfahrer zu werden, erwies sich als schlau. Sein erster Versuch im 500ccm-GP-Sport erlebte 1983 bei der Dutch TT nach einem Unfall mit dem amtierenden Weltmeister Franco Uncini einen herben Rückschlag. Der Zwischenfall brachte den Italiener ins Krankenhaus und auch der Australier brauchte Zeit, um zu alter Stärke zurückzufinden. Uncini erholte sich und Gardner wurde zum Synonym einer glorreichen 2-Takt-Ära der Königsklasse. In einer Lederkombi im unverwechselbaren blau-weißen Rothmans-Design fuhr er seit seiner ersten vollen Saison 1985 bis zu seinem Rücktritt acht Jahre später. In dieser Zeit gehörte er zu einer ganzen Reihe von Fahrern, deren Namen einem ganz leicht von der Zunge gehen: Lawson, Rainey, Schwantz, Doohan, Sarron, Mamola …

Seit Anfang der 80er Jahre war der Name Wayne Gardner ganzen Generationen britischer Rennfans ein Begriff. Sein Talent und sein Speed an der Spitze der 500ccm-Klasse machten ihn kurze Zeit später auch einem weltweiten Publikum bekannt. Seine Erfolge sind beeindruckend: 18 GP-Siege, 19 Pole Positions, erster australischer 500ccm-Weltmeister und Gewinner des ersten australischen Grand Prix auf Phillip Island im Jahr 1989. All diese Erfolge feierte er in einer Zeit, in der der GP-Sport mit den 500ccm-2-Taktern, die unglaubliche Spitzenleistungen erreichten, noch viel härter und gefährlicher war. Der gefürchtete Highsider war an der Tagesordnung und gebrochene Knochen kamen bei den Spitzenpiloten häufiger vor als heute.

Wayne Gardner (AUS) Phillip Island (AUS) 1989 © Wayne Gardner

Wayne Gardner (AUS) Phillip Island (AUS) 1989 © Wayne Gardner


Gardner war also gut … aber wie erreichte er den ‘Helden’-Status? Sein Auftreten als Frohnatur bei Interviews und im Fernsehen trug maßgeblich dazu bei. Es war für viele Fans leichter, Wayne die Daumen zu drücken, als für den anscheinend eher mürrischen Eddie Lawson (ganz so schwarz-weiß waren die Charaktere natürlich nicht!). Und dann natürlich seine Art, Motorrad zu fahren. Aufgewachsen mit Dirt-Track gehörte Gardner mit Kenny Roberts und Lawson zu einer Gruppe von Fahrern, die das Motorrad mit dem Hinterrad steuerten. Ich habe meine Zweifel, dass es jemals etwas intuitiveres und aufregenderes im Motorradsport gegeben hat als die Zeiten, in denen Reifen aufgerieben wurden, Gummi verbrannte und neue Linien gefahren wurden … bis diese spektakulären Zeichen der 2000er danke der Traktionskontrolle nicht mehr zu sehen waren. ‘WG’ war Teil dieses Spektakels und trug maßgeblich zur Ausbreitung der Szene in den 1980er und 1990er Jahren bei.

Wenn man sich das Bild von Gardner, festgeklammert auf einer aggressiven und unter Vollgas gefahrenen Honda, wieder vor Augen ruft, hatte das höchstwahrscheinlich gleichermaßen mit den Handling- und Setup-Problemen der NSR500 als auch mit der unglaublichen Entschlossenheit des Australiers zu tun. Viele Leute bewundern Waynes Mut und Hartnäckigkeit auch trotz Verletzungen zu fahren, wenn auch weniger für seinen technischen Scharfsinn, um die Honda auf Spur zu halten. Die 1988 ‘Shark’ NSR war dafür ein Paradebeispiel und die Handling-Probleme eine der Hauptursachen, warum Gardner seinen zweiten Titel nach 15 gefahrenen Grand Prix um nur 23 Punkte an Lawson verlor.

1978 war sein Jahr und er gewann eine emotionale Meisterschaft gegen seinen amerikanischen Herausforderer Mamola (eine weitere große Persönlichkeit dieser Zeit). Dieser Erfolg machte ihn zu einer Berühmtheit in Australien. In den darauffolgenden Jahren erlebte Gardner phänomenale Höhen (seine Siege auf Phillip Island feierte er nach sensationellen Rennen und machte deutlich, dass die Strecke in Victoria zu den schönsten der Welt gehört), aber auch schmerzhafte Tiefen wie das gebrochene Bein in Laguna Seca eine Woche nach seinem ersten Triumpf beim Heim-GP, gebrochene Zehen und Handgelenke und im darauffolgenden Jahr ein weiteres gebrochenes Bein sowie eine Gehirnerschütterung in der Saison 1992. Verletzungen, die höchstwahrscheinlich zu seiner Entscheidung beitrugen, den Motorradsport zu verlassen und sich auf 4 Rädern zu versuchen.

Wayne Gardner (AUS) Salzburg (AUT) 1987 © Wayne Gardner

Wayne Gardner (AUS) Salzburg (AUT) 1987 © Wayne Gardner


Das erste Rennen der Saison 1992 fasst Wayne Gardners Charakter und seine Einstellung am besten zusammen. Bei einem Rennen auf der dunklen und nassen Strecke in Suzuka – vielleicht hat gerade deshalb seine Beliebtheit in Japan die eines jeden anderen Fahrers in den Schatten gestellt – stürzte Gardner in der ersten Phase des Rennens. Er hob seine NSR (immer noch sein Liebling unter seinen Honda-Werksbikes) und rollte das Feld mit seiner lädierten Honda mit der Startnummer ‘5’ (damals als fast jeder Fahrer seine ganze Karriere noch mit einer Nummer fuhr) von hinten bis auf Platz 5 auf, bevor er erneut stürzte, sich in der Streckenbegrenzung ohne Air Fences wiederfand und sich die rechte Körperseite schwer verletzte. Mutig und immer auf der letzten Rille – Wayne hat für seinen Einsatz bezahlt, aber es waren diese Aktionen, die überzeugten und ihn von anderen Fahrern abhoben.

In einer Zeit, in der Grand Prix-Rennen noch auf Videokassetten aufgenommen wurden, war die Gardner-Dokumentation der Produktionsfirma ‘Look at it my way films’ eine große Sache. Ein persönlicher und aufschlussreicher Film, der modernste Videotechnik verwendete (Super-Slow-Mo 1987!) und einen Einblick in Gardners Leben, seine Zeit im Grand Prix und die Verpflichtung als Weltmeister bot. Bei mir zu Hause eines der meisten gesehen Videos aller Zeiten. In dieser Zeit, ohne Internet und andere Informationsmedien, wirkten Sportler und Personen des öffentlichen Lebens oftmals geheimnisvoller, unwirklicher und schwerer fassbar als heute.

Ein bekanntes Sprichwort rät: Triff niemals deine Helden. Dank eines Freundes, der den Kontakt herstellte, ignorierte ich den gut gemeinten Rat und traf mich im Winter 2015 für ein langes Interview mit Wayne in dessen spanischen Wohnort Sitges. Es war eine surreale Erfahrung und das Interview eine wertvolle Reise in die Vergangenheit. Ich fragte Wayne, was an seinem Charakter und seiner Art Rennen zu fahren so besonders war, dass sich eine so treue Fangemeinde entwickeln konnte. „Man darf an Leuten – Fans – nicht einfach vorbeilaufen und sie ignorieren. Das ist etwas, das ich in jungen Jahren gelernt habe; wenn du Sponsoren willst, dann brauchst du Fans“, erklärt er. „Du bist nur so gut wie deine Fans und dein letztes Ergebnis. Ich treffe, spreche und lache gerne mit Leuten. Ich bin nicht einer dieser verschlossenen Typen, dir vor einem Autogramm davonlaufen. Es gibt Fahrer, die sind so und natürlich reagieren die Fans auf so ein Verhalten, was langfristige Auswirkungen haben kann.“

„Wenn du ein eher ruhiger Charakter bist, wirst du wahrscheinlich schnell in Vergessenheit geraten“, fügt er hinzu. „Wenn du fröhlich bist und dich amüsierst, dann bist du eine Persönlichkeit. Ein wesentlicher Punkt – und ich denke, Rossi und Márquez beherrschen das perfekt – ist, dass du zeigst, wie sehr du Motorräder und den Rennsport liebst.“

Gardner war keiner, der unglaublich viele Rekorde gebrochen hat, keiner, der den Sport revolutioniert hat, aber er ist ein perfektes Beispiel dafür, dass es manchmal mehr auf die Art wie du etwas erreichst, ankommt als auf das, was du erreichst. So entstehen große Geschichten.

Fotos: Wayne Gardner | Juan Pablo Acevedo

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