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Ein 5-Minuten-Gespräch zur Zukunft der KTM-Motocross-Bikes

Wir fragten KTM Product Manager Offroad Joachim Sauer, wohin sich die KTM-SX-Baureihe in der Zukunft bewegen könnte. Elektronik? Elektrik? Perfektionismus?

Verwirrend. Bei der Präsentation der KTM-SX-Baureihe des Modelljahres 2019 sprachen die KTM-Ingenieure und -Projektleiter davon, dass die neusten Motocross-Maschinen „beinahe perfekt“ wären, und betonten, dass sie in Sachen Performance und Design sozusagen den Gipfel der Schaffenskraft der Forschungs- und Entwicklungsabteilung darstellten. Und doch: Zur selben Zeit, als die 2019er Maschinen aufgewärmt und von Journalisten wie Testern zum ersten Mal über die Strecke geheizt wurden, gab KTM Product Manager Offroad Joachim Sauer zu, dass bereits mit Hochtouren an der nächsten Generation gearbeitet wird!

Joachim Sauer (GER) © Sebas Romero/Marco Campelli


Wie erwartet, sind die Änderungen und Innovationen der 2019er KTM-SX-Motorräder umwerfend. Anstatt Sauer Honig ums Maul zu schmieren, was die Kanten, Versionen und Fortschritte der neuen Bikes betrifft, fühlten wir ihm gründlich auf den Zahn, um herauszufinden, wohin die Reise als Nächstes gehen könnte. Die Bikes besitzen schon jetzt das beste Leistungsgewicht in ihrer jeweiligen Klasse und besonders das Handling der KTM 450 SX-F stellt eine ganz eigene Liga dar.

Tatsächlich muss es für Sauer und sein Team richtig hart sein, noch Verbesserungspotential zu finden. Wie verbessert man eine Produktreihe, die bereits alle Möglichkeiten maximal ausreizt? Die Reihe umfasst 6 Bikes mit 2- und 4-Takt-Motoren sowie 125 und 450 ccm Hubraum, was noch Raum für Überlegungen zulässt, KTM hat aber aus jedem einzelnen Modell gnadenlos das Beste herausgeholt (bei den 2-Taktern wurden sogar die Vibrationen weiter verringert). Unserer Meinung nach verhält es sich mit den KTM-SX-Modellen ähnlich wie mit den neuesten iPhones: Es wird immer schwieriger, Wege zu finden, die Latte noch einmal deutlich höher zu legen. Sauer zieht eine Augenbraue hoch, widerspricht aber nicht.

© Sebas Romero/Marco Campelli


Um uns ein genaueres Bild davon zu machen, wie die Zukunft für die SX-Modelle aussehen könnte, fragten wir bei Sauer nach …

Jochi, es sieht so aus, als würde es immer schwieriger, die KTM-SX-Modelle noch zu verbessern … „Genau das ist das Problem. Wir arbeiten ganz eng mit der Rennabteilung und den Profis zusammen – schließlich sind wir READY TO RACE. Aber selbst, wenn wir die MXGP-Fahrer fragen, was wir als Nächstes verändern sollen, können sie die Frage nicht wirklich beantworten. Stattdessen musst du etwas vorschlagen. Wenn du einen längeren, kürzeren oder leichteren Rahmen baust, ist es schwierig, vorauszusehen, ob sie ihn annehmen werden. Ich glaube, dass es eigentlich keine echte Richtung gibt, in die wir gehen können, weil unser Bike schon fast perfekt ist.“

Können wir in der Zukunft also mit etwas Radikalerem rechnen? „Wir werden an unserem Konzept festhalten. Wir werden den Zylinder nicht auf den Kopf stellen oder Ähnliches. Wir sind überzeugt davon, dass unser heutiges Konzept sehr gut ist, und erwarten für die Zukunft keine radikalen Änderungen. Wir arbeiten bereits an der nächsten Generation – die Tests laufen jetzt seit einem Jahr. So ein Projekt muss bereits lange vor der Präsentation abgeschlossen sein. Herauszufinden, wohin wir mit dem Rahmen gehen können und welche Verbesserungen wir innerhalb desselben Konzepts machen können, bedarf viel Detailarbeit. Es werden viele Ideen an uns herangetragen und unsere enge Zusammenarbeit mit der MotoGPTM-Abteilung liefert ebenfalls viele Anregungen, die auch in die Motocross-Bikes einfließen. Es gibt ein geringes Verbesserungspotential, momentan sehe ich aber keinen Grund für Verbesserungen.“

Ist es für Ingenieure schwierig, einen Gang herunterzuschalten oder stillzustehen? „Unsere Jungs stehen niemals still. Sie haben immer neue Ideen und finden immer Dinge, die es wert sind, ausprobiert zu werden. Es wird eine weitere Generation der KTM-SX-Baureihe geben und auch sie wird wieder einen Schritt vorwärts darstellen. Wir haben genug Zeit für intensive Entwicklung und verfügen über eine erfahrene Mannschaft, die eng mit der Motorsport-Abteilung zusammenarbeitet. Für den Motorsport brauchst du ein extrem konkurrenzfähiges Bike, es sollte sich aber auch von Amateuren noch gut fahren und einsetzen lassen. Diese Mischung zu finden ist immer eine Herausforderung, wir haben damit aber viel Erfahrung.“

KTM 450 SX-F © R.Schedl/KTM


Werden wir bei den Motocross-Bikes in Zukunft mehr Elektronik sehen? „Dieser Bereich wird wachsen und wachsen … momentan erlaubt die FIM nicht allzu viel Elektronik im Rennsport. Wir arbeiten an der nächsten Ausbaustufe des Motormanagementsystems und haben allgemein gute Ideen zum Ride-by-Wire, damit wir den Gasbowdenzug loswerden können … die FIM erlaubt das aber momentan noch nicht. Wenn alle Hersteller zusammenarbeiten, um die FIM zu überzeugen, dass hier die Zukunft liegt, werden wir diese Technik sicher bald verwenden. Ich glaube auch, dass Elektronik im Zusammenhang mit der Federung Zukunft hat. Bis jetzt ist der Motocross-Sport in diesem Bereich recht traditionell geblieben.“

Welche Vorteile hätte Ride-by-Wire im Motocross-Sport? „Man könnte die Leistungsabgabe viel besser kontrollieren. Wenn du Vollgas gibst, beschleunigt das Bike in Abhängigkeit von der Traktion und so weiter. Wir verwenden Mappings, sind dabei aber nicht so frei, wie wir das mit Ride-by-Wire wären. Man könnte etwa eine vollwertige Traktionskontrolle haben. Ich weiß nicht, ob das im Motocross-Sport Sinn machen würde, es wäre aber eine Option. Man könnte auch einen Schalter verwenden, der jeglichen Schlupf unterbinden könnte. Die Möglichkeiten sind schier unbegrenzt! KTM bietet eine breite Palette an Bikes in vielen Bereichen an und entwickelt derartige Technologien. Wenn die Jungs glauben, dass die Motocross-Bikes davon profitieren könnten, hoffen wir, dass die Regeln ihre Verwendung eines Tages ermöglichen werden.“

Helfen euch die Technologien und das Wissen aus dem MotoGPTM-Projekt in diesem Bereich? „Ja, absolut. Nicht nur, was die Elektronik betrifft, sondern auch in Sachen Datenaufzeichnung und welche Schlüsse man daraus ziehen kann. Es hilft nichts, tonnenweise Daten zu bekommen, wenn man sie nicht richtig lesen und interpretieren kann. Aus der MotoGPTM kommt viel Feedback.”

KTM 450 SX-F © R.Schedl/KTM


Verschlingt die Elektronik insgesamt viel Geld? Kann sie im MX-Sport kosteneffizient eingesetzt werden? „Ich glaube nicht, dass Ride-by-Wire in den nächsten 5 Jahren freigegeben werden wird, bin mir aber ganz sicher, dass wir in 10 Jahren keine Gasbowdenzüge mehr sehen werden. In 10 Jahren hören wir vielleicht auch keine Motoren mehr kreischen. Dem müssen wir ins Auge blicken. Die Elektrik-Abteilung wird im Motocross-Bereich mittelfristig mehr und mehr mitzureden haben. Heute ist die Technik für den Offroad-Bereich noch nicht einsatzfähig. Sobald die Automobil-Industrie einen großen Schritt vorwärts macht, werden auch die Motorrad-Hersteller nachziehen. Es wird einen gewissen Verzögerungseffekt geben, ist aber unausweichlich.“

Fotos: Sebas Romero | Marco Campelli | R.Schedl/KTM

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