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DORNA: Volles Programm

Im Fernsehen kommt nichts Gescheites mehr? Ach was! Probieren Sie es mal mit MotoGP. Die Übertragungen, die DORNA Sports, Inhaber der MotoGP-TV-Rechte, mit gigantischem Aufwand produziert, verdienen das Prädikat „besonders wertvoll“. Wir durften hinter die TV-Kulissen schauen.


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Brrrrrrr, kühl hier! Erkältungsgefahr. Und dunkel ist es obendrein. Wenn man eintritt in diesen fensterlosen Regie-Truck, von draußen aus der gleißenden Sonne von Aragón kommend, sieht man zunächst einmal nichts. Man traut sich kaum, einen Fuß vor den anderen zu setzen – man könnte ja über etwas stolpern. Die Augen brauchen zwei, drei Minuten, bis sie sich an das Dunkel gewöhnt haben. Dark Room einmal anders.

Das mit der Temperatur, erklärt DORNA-Mitarbeiter David Arroyo, hat mit den hochsensiblen elektronischen Gerätschaften zu tun. Und die Menschen, die hier drin arbeiten, wünschen ebenfalls ein angenehmes Ambiente. Ins Schwitzen geraten sie ohnehin, wenn auf der Strecke etwas Unerwartetes passiert, auf das blitzschnell reagiert werden muss.

Vor uns sitzen 14 Menschen, in zwei Reihen, jeder mit Kopfhörer. Acht von ihnen sind ausschließlich für die Zeitlupen-Wiederholungen zuständig. Zwei kümmern sich um die Grafiken. Einer koordiniert alle Bilder, die von den Onboard-Kameras auf den Motorrädern geliefert werden und steuert die schwenkbare 360-Grad-Kamera, welche an diesem Wochenende auf dem Bike von Bradley Smith montiert ist. Und zwei Mann sind für die Newsbeschaffung zuständig. Sie verfolgen Twitter, Facebook und diverse Websites, zudem haben sie ein Auge auf der Zeitnahme: Fährt ein Pilot eine Sektor-Bestzeit, geben sie den dezenten Hinweis, man möge doch diesem Piloten für den Rest seiner Runde folgen.


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Der Mann, dem sie alle zuarbeiten, sitzt vorne rechts: Sergi Sendra, offizieller Titel „TV-Director“. Er ist quasi der Zeremonienmeister. Sergi, wie die meisten seiner DORNA-Kollegen ein Katalane, waltet über einen Pult mit rund 500 Knöpfen. 500 Knöpfe, mit denen er entscheidet, welches Bild über Satellit raus in die Welt geht, in die Wohnstuben der MotoGP-Fans. Sergi ist ein Virtuose. Seine Finger springen über die Knopf-Tastatur, ohne dass er dabei den Blick von den unzähligen Monitoren an der Stirnseite des Raumes nimmt. Multi-Tasking in Vollendung: Gucken, Knöpfe drücken, reden. Ja, Sergi redet fortwährend. „Drei-zwei-eins-go“. Umschnitt auf Rossis Heckkamera. Dann entscheidet sich Sergi für Andrea Iannone, der in der Ducati-Box sitzt. „Näher ran, näher ran“, ruft Sergi scharf. „Noch näher.“ Sergi möchte mehr Spannung im Bild haben. Der Kameramann in der Boxengasse gehorcht und zoomt stärker. Erst jetzt gibt Sergi Ruhe.


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Sekunden später folgt die Zeitlupen-Einspielung eines Vogels. Dazu gibt’s eine (mit dem Vogel mitfliegende!) Grafik mit Angabe der Vogelgattung: Flame – Colored Tanager. „Sergi liebt Tiere“, sagt David Arroyo. Wieviel Aufwand wohl alleine diese Szene benötigte? Da war ein Kameramann aufmerksam, ein Replay-Spezialist hat die Sequenz geschnitten, der Lichttechniker hat die Farben abgemischt und ein Mann hat die Grafik programmiert. Alles für acht Sekunden Vogel-fliegt-davon. Und am Ende hat Sergi den richtigen Knopf gedrückt.

Die MotoGP-Produktionen der nahe Barcelona ansässigen Firma DORNA Sports zählen zum Feinsten, was in der Sportwelt geboten wird. Allein die Zahlen beeindrucken. Kameras pro Rennwochenende: 148. Jawohl, einhundertachtundvierzig. Da sind zunächst die 23 fest installierten Kameras rund um die Strecke in Aragón. In jeder wichtigen Kurve stehen zwei: Eine folgt den Führenden, die andere den Verfolgern. So bleibt kaum eine Szene unbeobachtet. Dazu kommen 99 Onboard-Kameras, über alle drei Klassen verteilt. Die meisten sind „Gyroscopic Cams“. Selbst wenn Marc Márquez mit 62 Grad Schräglage unterwegs ist – eine Gyroscopic-Cam richtet sich waagrecht aus.


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In der MotoGP verfügt fast jedes Bike über drei Kameras: nach vorne, nach hinten, auf den Rücken des Piloten. Die Spitzenpiloten bekommen weitere Kameras: auf den Gasgriff gerichtet, auf den Schalthebel, auf den Helm. Oder sonst wo hin. Den DORNA-Technikern gehen die Ideen nie aus.

Es sind diese Onboard-Bilder, welche die Faszination einer MotoGP-Übertragung ausmachen, sie sind ein Identifikationsmerkmal dieses Sports. „Unsere Onboard-Kameras werden nicht einfach nachträglich an die Motorräder geschraubt“, sagt Manel Arroyo, Papa von Daniel und Managing Director bei DORNA Sports. Vielmehr, so Arroyo senior, würden Honda, Yamaha und Co. die Befestigungspunkte für die Kameras bereits bei der Konstruktion ihrer Motorräder berücksichtigen. Arroyo erläutert die DORNA-Philosophie: „Onboard-Cams sind feste Bestandteile des Motorrads. Sie sind so wichtig wie die Kupplung und die Bremsen.“

Die DORNA-Techniker können von Kameras nicht genug kriegen. Selbst im Safety Car haben sie zwei Kameras montiert. Zwei verstecken sie im Boden neben den Randsteinen, die sogenannten „Groundcams“. Hinzu kommen neben mehreren tragbaren Kameras eine Helikopter-Kamera und eine Highspeed-Kamera, die mit 2000 Bildern pro Sekunde auch den Teams interessante Einblicke erlaubt. So erkannten die Ducati-Ingenieure dank der Highspeed-Bilder, dass an ihren Bikes der vordere Kotflügel heftig vibrierte. Mit bloßem Auge oder den normalen TV-Bildern war dieses Phänomen nicht zu sehen. Für 2015 konstruierte Ducati den Kotflügel neu.

Es war 1992, als DORNA Sports vom Motorrad-Weltverband FIM die TV-Rechte erwarb. Bis dahin waren die Übertragungen teils von kläglicher Qualität. Bei jedem Grand Prix zeichnete die jeweilige nationale Sendeanstalt für die Produktion verantwortlich – und wurstelte sich mal mehr, mal weniger gekonnt durchs Wochenende. Da wurde die Zieldurchfahrt des Siegers verpasst, Grafiken waren fehlerhaft oder die Bildregie ignorierte stur die spannendsten Duelle. In manchen Kurven standen gar keine Kameras.

Bei DORNA Sports folgt jede Übertragung einem festen Muster. Ablauf der Sendung, Jingles, Grafiken, Interviews – alles ist standardisiert. Auch beim Personal ist man konsequent: Die mehr als 200 TV-Mitarbeiter werden zu jedem Rennen eingeflogen. In Australien auf australisches Personal vertrauen, um Reisekosten zu sparen? „Nein“, sagt Manel Arroyo, „das würde auf Kosten der Qualität gehen.“ Stimmt natürlich, zumal jeder DORNA-Mitarbeiter stets dieselbe Aufgabe erledigt. Beispielsweise steht immer der gleiche Kameramann in Kurve 1, egal ob in Doha, Assen oder Aragón: Miguel Tello. Miguel weiß, wie sich ein MotoGP-Feld nach dem Start bewegt, er kennt die Kurve aus den Vorjahren und weiß exakt, wie weit er aufziehen kann.


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So erzielt DORNA Sports eine Übertragungsqualität, von der andere Sportarten nur träumen können. Sein Produkt verkauft DORNA Sports an Sender auf der ganzen Welt. In Deutschland hat Eurosport die Live-Rechte gekauft, das ZDF darf zeitversetzt Features und Rennzusammenfassungen zeigen.

Für DORNA Sports sind die TV-Rechte und -Produktionen nur ein Teil ihres Deals mit dem Weltverband FIM. Man ist auch im Besitz sämtlicher Vermarktungs- und Werberechte. Im Grunde ist die MotoGP eine DORNA-Serie. Wenn die Uhrenfirma Tissot einen Werbebanner an der Rennstrecke bucht, dann muss sie dafür an DORNA Sports bezahlen und darauf vertrauen, dass DORNA seine Kameras so positioniert, dass der Tissot-Schriftzug schön im Bild zu sehen ist. Ebenso hoffen die Sponsoren der Rennteams, dass die Regie ihr Bike nicht permanent übersieht. Die Werbepartner werden nicht enttäuscht. „Dank unserer Technik können wir nachvollziehen, wieviel Minuten und Sekunden jedes Motorrad bei einem Grand Prix im Bild war“, sagt David Arroyo. Es gebe vorab Zusagen an die Teams, wie lange ihr Bike im TV zu sehen ist. Werde der Wert deutlich unterschritten, sagt David, könne die Bildregie korrigierend eingreifen. Papa Manel allerdings legt Wert auf die Feststellung, dass die TV-Produktion ausschließlich journalistischen Prinzipien folgt: „Wer vorne fährt, ist häufiger im Bild.“


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Bei DORNA Sports sind sie Perfektionisten. In jeglicher Hinsicht. Am Ende profitiert davon der Fan zuhause vor dem Fernseher, weil er in den Genuss faszinierender Bilder kommt. Da soll noch einer sagen, im TV käme heutzutage nichts Gescheites mehr.

Fotos: DORNA | Marco Campelli

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