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Crashkurs: Offroad-Fahren mit deinem Adventure-Bike

Der Traum von der Weltreise auf zwei Rädern muss doch irgendwann einmal wahr werden. Das Adventure-Bike ist angeschafft, fehlen nur noch die nötigen Skills. Auf Asphalt Motorrad zu fahren, ist kein Problem, aber unbefestigter Untergrund bietet doch einige Herausforderungen. Zeit für einen Crashkurs!

Viele Motorradfahrer träumen von einer ausgedehnten Reise auf ihrem treuen Bike. Jahrelang lässt dich dieser Traum schon nicht los, da muss er doch auch endlich einmal umgesetzt werden! Für zwei Monate alles auf Eis legen und endlich das berühmt-berüchtigte Sabbatical nehmen. Bewegst du dich nur auf erprobten Wegen, kann die Reise, die du dir im Geiste zurechtgelegt hast, zwar ganz schön werden, aber zu einem unvergesslichen Erlebnis wird sie erst, wenn du dich hier und da auch auf unbefestigtes Terrain wagst. Ein abenteuerlich anmutender Schotterweg bringt dich an Orte, die man in keinem Reiseführer findet.

Aber viele Motorradfahrer fragen sich: Wie fährt man überhaupt Offroad? Eddie de Vries, Chefredakteur der niederländischen Motorsportzeitschrift MOTO73, legt jährlich zehntausende Kilometer auf dem Motorrad zurück, hauptsächlich allerdings auf asphaltierten Straßen. Die richtige Fahrt- und Blicktechnik hat er verinnerlicht, aber abseits der gepflasterten Wege muss auch er all seinen Mut zusammennehmen. „In unserer Zeitschrift findet auch das Offroad-Fahren seinen Platz, aber dafür haben wir eigene Experten. Deshalb bin ich selbst auch wenig im Gelände unterwegs. Das finde ich eigentlich ziemlich schade, denn es hat etwas wahnsinnig Schönes, wenn man einen Weg einschlägt, der ins Unbekannte führt.“

Eddie de Vries KTM 1090 ADVENTURE R © Jarno van Osch/Shot Up Productions


Das würde zu dem 33-jährigen Journalisten auch perfekt passen, er ist nämlich durchaus reiselustig veranlagt. Nachdem weltweit am laufenden Band neue Motorräder vorgestellt werden, kann Eddie inzwischen bereits einige Länder von seiner Bucketlist streichen. Aber auch privat reist er gerne. So hat er schon Länder wie Vietnam, Kolumbien und Nepal erkundet. Vom Motorrad aus natürlich. Auch beruflich steht schon der nächste Trip an, nach Marokko nämlich. Die schroffe Landschaft dort lädt regelrecht zum Offroad-Fahren ein. Höchste Zeit also, sich die Basics anzueignen. Und wer könnte da besser behilflich sein, als der ehemalige Dakar-Fahrer Eric Verhoef. Mit zehn Teilnahmen an der Rallye Dakar auf seinem Konto ist er definitiv in der Position, dem Chefredakteur von MOTO73 alle wichtigen Tipps und Tricks für das Offroad-Fahren mitzugeben. Und darüber hinaus möchte er auch euch einladen, euch mit eurem Adventure-Bike einmal auf unbefestigtes Terrain vorzuwagen. Mit diesen Tipps seid ihr für euren ersten Offroad-Trip auf jeden Fall bestens gerüstet:

Eric Verhoef KTM 1090 ADVENTURE R © Jarno van Osch/Shot Up Productions


Tipp 1: Bereite dich gut auf dein Abenteuer vor Eric Verhoef: „Es lässt sich so viel mehr Vergnügen aus deinem Adventure-Bike holen. Wenn man lernt, im Gelände zu fahren, tun sich wirklich neue Welten auf. Und doch ist es wichtig, die Herausforderung Schritt für Schritt anzugehen. Es empfiehlt sich, vor Beginn einen Blick auf deine Ausrüstung zu werfen. Ein guter Helm ist Pflicht, aber auch da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Achte auf jeden Fall darauf, dass dein Sichtfeld nicht allzu beschränkt ist und deine Augen gut geschützt sind. Ein Adventure-Helm mit Visier oder ein Crosshelm mit Brille kommen beispielsweise infrage. Auch auf die Tönung des Visiers muss gut geachtet werden. Besonders in warmen Ländern, wo die Sonne sehr grell ist, ist es von Vorteil, ein dunkler getöntes „Glas“ zu verwenden. Damit sieht man dann untertags die Kontraste nämlich besser und das ist wirklich praktisch. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, eine Sonnenbrille unter dem Helm zu tragen. Da kann man dann auch ab und zu das Visier anheben und die Nase in den Fahrtwind halten, die Augen bleiben aber geschützt. Unabdingbar sind feste Stiefel und zusätzliche Protektoren für den Körper. Ein Brustpanzer ist definitiv auch kein unnötiger Luxus. Damit ist man im Falle eines Sturzes nämlich bestmöglich geschützt. Auch die Knieprotektoren darf man nicht vergessen. Obwohl man die Beine auf den schweren Adventure-Bikes ohnehin so nah wie möglich am Motorrad hält, müssen die Knie stets besonders gut geschützt sein. Die Knie sind nämlich unheimlich wichtige Gelenke für den Menschen, überhaupt beim Offroad-Fahren. Bei der Bekleidung gibt es enorm viel Auswahl, da stehen verschiedene Varianten zur Verfügung. Solange die Grundausrüstung von guter Qualität ist, kann man da nicht viel falsch machen. Immer im Hinterkopf behalten muss man dabei allerdings die Bewegungsfreiheit auf der Maschine. Auch Thermounterwäsche ist sicherlich kein Fehler. Thermounterwäsche ist speziell dafür geschaffen, warmzuhalten, ist aber trotzdem angenehm dünn. So brauchst du keinen dicken Pullover überzuziehen, der dich womöglich in deiner Bewegungsfreiheit einschränkt. Der letzte Tipp zum Thema Ausrüstung: Kauf dir einen Camelbag! Mag vielleicht nach einem Luxusprodukt klingen, das ist er aber sicher nicht. Außerdem solltest du viel trinken, das Offroad-Fahren ist nämlich deutlich anstrengender für den Körper als das Fahren auf Asphalt.“

Eddie de Vries KTM 1090 ADVENTURE R © Jarno van Osch/Shot Up Productions


Tipp 2: Nimm dein Motorrad gründlich unter die Lupe „Noch wichtiger als die persönliche Ausrüstung ist natürlich dein Bike. Besonders wenn du länger auf Reisen gehst, musst du sichergehen, dass dein Motorrad gut in Schuss ist. Auch alle Teile, die leicht verschleißen, müssen überprüft werden. Im Zweifel ist es immer besser, Teile auszutauschen, bei denen du dir unsicher bist. Beim Offroad-Fahren im Speziellen sind die Reifen sehr wichtig. Auf unbefestigtem Untergrund brauchst du unbedingt ein ordentliches Reifenprofil. Bei Komfort und Haftung steckt man damit beim Fahren auf Asphalt schlussendlich ein bisschen zurück, aber die Vorteile, die man im Gelände hat, überwiegen. Infrage kommen zum Beispiel die TKC80 von Continental, die Anakee Wild von Michelin oder die D606 von Dunlop. Rat zum Thema Reifen solltest du dir vom Händler deines Vertrauens holen. Die Haftung ist nämlich das A und O, wenn man mit dem Adventure-Bike auf unbefestigtem Untergrund unterwegs ist. Außerdem ist die Montage eines Handschutzes sehr zu empfehlen, sofern dieser nicht ohnehin standardmäßig schon montiert ist. Selbiges gilt für Sturzbügel. Stürze sind nämlich unvermeidlich. Mit diesen Schutzvorrichtungen ist aber die Wahrscheinlichkeit geringer, dass die teure Verkleidung beschädigt wird. Der Handschutz schützt nicht nur die Finger vor umherfliegenden Steinchen, sondern sorgt auch dafür, dass der Lenker bei einem Sturz heil bleibt. Das sind Teile, die den Unterschied machen können: Kann ich meine Reise fortsetzen oder sitze ich hier mit beschädigtem Motorrad fest? Bevor ich es vergesse: Leg dir eine Schutzplatte für das Kurbelgehäuse zu, sodass Steinschlag den Motor nicht lahmlegen kann. Nicht nur die Reifen sollen gut haften, auch man selbst will ja sicher auf dem Bike stehen. Überprüfe deshalb, ob die Gummischicht auf den Fußrasten entfernt werden sollte. Das kommt bei Adventure-Bikes nämlich durchaus vor. Die Stiefel dürfen klarerweise nicht abrutschen. Ein weiterer guter Tipp ist es, zu überprüfen, ob der Lenker auf der richtigen Höhe angebracht ist. Normalerweise ist er auf durchschnittlich große Menschen abgestimmt, wenn du also ein bisschen kleiner oder größer bist, solltest du das noch einmal überprüfen. Abzielen sollte man auf eine gute, aufrechtstehende Haltung. Sollte der Lenker zu tief für deinen Geschmack sitzen, kommt eine Lenkererhöhung infrage.“

KTM 1090 ADVENTURE R © Jarno van Osch/Shot Up Productions


Tipp 3: Nimm die richtige Haltung ein „Beim Offroad-Fahren ist es wichtig, das Motorrad gut fühlen zu können. Das ist besonders in aufrechter Haltung, im Stehen, gut möglich. Ganz durchstrecken darfst du die Gliedmaßen allerdings nicht, die dienen uns Menschen nämlich als Federung. Die Knie und Ellbogen müssen die unumgänglichen Schläge gut wegstecken können. Das können sie aber nicht, wenn man am Sattel klebt. Im Stehen übt man außerdem mehr Druck auf die Fußrasten aus und das wiederum wirkt sich positiv auf das Gleichgewicht aus. Die Stellung der Füße auf den Fußrasten ist auch sehr wichtig. Der Fußballen ist hier gefragt. Viel zu oft sieht man noch Menschen mit viel zu großen Stiefeln auf dem Motorrad sitzen. Das ist im Übrigen auch gefährlich, weil die Gefahr, irgendwo hängenzubleiben, so größer ist. Die Hände müssen so entspannt wie möglich auf dem Lenker liegen. Eigentlich braucht man die Hände ja nur, um Gas zu geben, zu schalten oder zu bremsen. Das ist, als würde man Klavier spielen. Nicht zu verkrampft festklammern, das funktioniert nämlich nicht. Bei höheren Geschwindigkeiten hält man das Motorrad im Prinzip mit den Knien fest, während man bei gemächlicherem Tempo die Beine eher ein bisschen vom Motorrad wegstreckt. Dann kann sich das Motorrad schön zwischen deinen Beinen bewegen, wodurch du besser das Gleichgewicht halten kannst. Um die Auswirkungen der aufrechten Haltung zu spüren, eignet sich ein kleiner Test. Man bemerkt den Unterschied sofort, wenn man das Motorrad leicht nach hinten ausbrechen lässt. Wenn man fest am Sattel sitzt, macht der gesamte Körper die Bewegung des Motorrads mit. Wenn man dasselbe dann nochmals im Stehen versucht, fühlt sich das Ausbrechen des Hinterrads gleich viel kontrollierter an. So flößt so eine Aktion auch weniger Angst ein, was wiederum gut für das Selbstvertrauen ist. Und Vertrauen in das eigene Können ist ja schließlich eines der wichtigsten Dinge beim Offroad-Fahren.“

Eddie de Vries KTM 1090 ADVENTURE R © Jarno van Osch/Shot Up Productions


Tipp 4: Lenken auf unbefestigtem Terrain „Es ist genau wie Ski fahren. Nur weil man sich Ski gekauft hat, heißt das ja nicht automatisch, dass man sofort den nächsten Winterurlaub buchen muss. Am besten übst du das Fahren auf losem Untergrund zuerst in einer dir vertrauten Umgebung. Es ist bestimmt auch keine schlechte Idee, einen Kurs zu besuchen, so lernt man dann alles Nötige noch ein bisschen schneller. Auf jeden Fall erfordert das Offroad-Fahren eine andere Fahrtechnik als das Fahren auf Asphalt. Es wäre intelligent, die Grundtechniken zuerst auf Schotterwegen zu üben. Schotterwege sind nämlich noch ziemlich hart, man muss aber dennoch alle Offroad-Techniken anwenden, um die Kontrolle zu behalten. Wenn man mit einem Allroad-Bike auf Schotter fährt, sollte man auch darauf achten, Druck auf das Vorderrad auszuüben, indem man aufsteht. Halte die Geschwindigkeit gering und gewinne Vertrauen. Verwende die Vorderradbremse vorerst nicht und lerne, die Geschwindigkeit mit der Hinterradbremse zu kontrollieren. Auf Schotterstraßen ist es nämlich nicht einfach, die Kontrolle wiederzuerlangen, wenn das Vorderrad ausbricht. Moderne Motorräder haben auch spezielle ABS-Systeme für den Offroad-Gebrauch, die sicherlich sehr praktisch sind. Auf eher hartem Untergrund lenkt man im Endeffekt mit dem Körper und „denkt“ das Motorrad um die Kurve. Fahre vorausschauend und stelle sicher, dass du genug Zeit hast, auf unerwartete Situationen zu reagieren. Ein Allroad-Bike ist eher mit einem Dampfschiff zu vergleichen, ein echtes Offroad-Bike fühlt sich dagegen mehr wie ein Motorboot an. Das leichte Gewicht führt dazu, dass man mehr Spielraum einplanen muss. Das Fahren in weichem Sand erfordert dann wieder eine ganz andere Technik, denn in solchen Situationen muss man darauf achten, so wenig Gewicht wie möglich auf den vorderen Teil des Motorrads zu verlagern. Außerdem muss der Motor kontinuierlich anziehen, was aber nicht bedeuten soll, dass man immer Vollgas geben muss. Wenn man Gas gibt, taucht die Vorderradgabel nämlich nicht ein. Sollte das doch passieren, ähnelt das Vorderrad schnell einmal einem Schwenkrad. Im losen Sand sollte man versuchen, eine möglichst gerade Linie zu wählen. Man verlagert das Gewicht also nach hinten und lenkt über das Hinterrad. Dieses wiederum steuert man über das Gas. Beim Fahren auf Sand sind Gewichtsverlagerung und Gas unheimlich wichtig. Wenn du damit kaum Erfahrung hast, nimm an einem Offroad-Kurs teil. Man muss gespürt haben, wie sich das Sandfahren auf einem Adventure-Bike anfühlt. Wenn es um das Fahren auf Sand geht, ist das Dünenfahren natürlich das Spektakulärste. Man muss sich aber bewusst sein, dass es wirklich schwierig ist, mit einem schweren Adventure-Bike durch die Dünen zu cruisen. Sich kurz auszutoben ist natürlich möglich, aber den ganzen Tag auf so einem Untergrund unterwegs zu sein, würde ich nicht empfehlen. Wenn du hauptsächlich in den Dünen deinen Spaß haben willst, solltest du dir doch lieber ein leichtes Offroad-Bike kaufen.“

Eddie de Vries KTM 1090 ADVENTURE R © Jarno van Osch/Shot Up Productions


Tipp 5: Es kann auch schiefgehen „Den Handschutz und die Sturzbügel haben wir ja schon angesprochen. Dank dieser Hilfsmittel beugt man gröberen Schäden bei Stürzen vor. In puncto Sicherheit ist auch gemeinsames Fahren nicht zu vernachlässigen. Wenn du dich abseits der bekannten Pfade bewegst, nimm dann zumindest einen weiteren Fahrer als Begleitung mit. Verliert einander nicht aus den Augen. Sollte doch etwas schiefgehen, ist dann zumindest jemand da, der helfen kann. Man will ja schließlich nicht stundenlang warten müssen, bis zufällig jemand vorbeikommt, weil man sich in unwirtliches Terrain vorgewagt hat. Ist dein Adventure-Bike umgefallen, musst du klarerweise auch in der Lage sein, die Maschine wieder aufzurichten. Mit der richtigen Technik sollte das jedem gelingen. Am besten drückt man den Hintern mit angewinkelten Knien in den Sattel. Den Lenker zieht man in Richtung Körper und hält ihn mit einer Hand fest. Dann versucht man, die andere Hand so weit wie möglich auf der anderen Seite des eigenen Körpers zu platzieren. Dann macht man kleine Schritte nach hinten, sodass sich das Motorrad aufrichtet. Vergiss dabei nicht, einen Gang einzulegen, damit das Motorrad nicht wegrollen kann, während du dich gerade beim Aufrichten abmühst.“

Eddie de Vries & Eric Verhoef KTM 1090 ADVENTURE R © Jarno van Osch/Shot Up Productions


Allgemein gilt auch beim Offroad-Fahren mit einem Adventure-Bike: Übung macht den Meister. Überwinde deinen inneren Schweinehund, besuche eventuell einen Kurs und bringe so viele Kilometer wie möglich hinter dich. Wer weiß, vielleicht eröffnest du in einigen wenigen Wochen bereits deinem Boss, dass du für zwei Monate auf Reisen gehst. Sollte das der Fall sein, wünschen wir dir von Herzen viel Spaß!

Eddie de Vries KTM 1090 ADVENTURE R © Jarno van Osch/Shot Up Productions


Fotos: Jarno van Osch/Shot Up Productions

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